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Dr. Wolfgang Schmidbauer lebt und arbeitet als Psychotherapeut in München.
Foto: Joachim Fieguth
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Grausamkeiten passieren; eine der schlimmsten ist die Vergewaltigung. Sie trifft einen Lebensbereich, der idealisiert wird. In der Liebe regieren hoch gespannte Erwartungen, dass etwas besonders Schönes passiert. Leider ist die Stimme der vernünftigen Einrede sehr leise, dass es bei sexueller Gewalt um egoistische Bemächtigung geht, dass sie mit Liebe nicht das Geringste zu tun hat.
Wer mit den Opfern spricht und versucht, ihnen über ihr Trauma hinwegzuhelfen, lernt eine brisante Mischung von Gefühlen kennen. Kann ich den Täter verstehen? Muss ich mich rächen? Was habe ich getan, um ihn zu reizen? Darf ich ihn anzeigen, seine Zukunft zerstören? Es ist in aller vergeblichen Bemühung, verständlichen Wut und irrationaler Suche nach eigener Schuld fast rührend zu verfolgen, wie unzerstörbar die Sehnsucht ist, ein himmlisches Gesetz der Liebe zu finden, das über die irdische, so unvollkommene Recht- sprechung triumphiert.
Mit KO-Tropfen betäubt, von zwei Männern vergewaltigt, nach der Tat unfähig, Spuren zu sichern und die Täter anzuzeigen, hatte die 31-Jährige zuerst versucht, alle Erinnerungen zu verdrängen. Es gelang ihr, so lange sie keinen Mann an sich heranließ. Dann verliebte sie sich, schlief mit ihrem neuen Partner - und stieß ihn mitten im Akt schreiend zurück. Jetzt waren die Bilder wieder da, böse, erniedrigende Bilder, die nicht mehr verschwinden wollten.
Gemeinsam versuchte das Paar, diese Situation zu bewältigen. Es gelang schrittweise. »Anfangs waren die Bilder neun Stunden von zehn da, dann waren sie neun Stunden von zehn weg, heute kommen sie nur noch ausnahmsweise«, fasst sie heute diesen Prozess zusammen, in dem sie eine Therapeutin unterstützte.
Inzwischen ist das Paar verheiratet. Sie wollen ein Kind. Sie wird nicht schwanger. Sie glaubt, dass das daran liegt, dass sie nur ganz selten zusammen schlafen. Sie fürchtet sich, darüber mit ihm zu sprechen - »ich habe ihm schon so viel zugemutet, ich kann ihm doch nicht sagen, wie es mir auf die Nerven geht, wenn immer ich die Initiative ergreifen muss und er mich anfasst, als sei ich ein rohes Ei!«
Früher, sagt sie, sei sie unbefangen gewesen - wenn sie Lust gehabt hätte, habe sie das auch deutlich gemacht, solche Probleme kannte sie nicht. Heute ist sie nur noch traurig, wenn sie glaubt, jetzt seien ihre fruchtbaren Tage, und ihr Mann, den sie doch liebt, sie in Watte packt wie immer.
Für den Rollstuhlfahrer ist es normal, im Rollstuhl zu sitzen. Umfragen zeigen, dass Rollstuhlfahrer nicht depressiver sind als Fußgänger. Dennoch fällt es vielen Menschen schwer, die Ängste zu verarbeiten, welche der Anblick eines Behinderten in ihnen weckt. Behinderte leiden nicht selten unter taktlosen Fragen, wie sie denn mit ihrem schrecklichen Schicksal zurechtkommen. Manchmal verkleidet sich diese Taktlosigkeit in Bewunderung - »ich weiß nicht, ob ich mit einer solchen Behinderung leben könnte!«
Vergewaltigte haben es leichter und schwerer zugleich: Sie können ihr Trauma verbergen, man sieht es ihnen nicht an. Das gibt ihnen eine Freiheit, die Rollstuhlfahrer nicht haben. Aber weil sie unauffällig sind, wird ihnen auch mehr zugemutet, sie hören Machowitze und müssen sich Anmachen gefallen lassen. Gleichzeitig muten sie sich auch selbst mehr zu - in diesem Fall ein Übermaß an Selbstaufgabe.
Wie es überbeschützende Mütter gibt, gibt es auch überbeschützende Männer, welche ihre sexuellen Wünsche am liebsten komplett der Verwaltung durch ihre Frauen unterstellen würden, um nur ja keinen Fehler zu machen. Das so geschaffene Liebesklima können wir uns vorstellen. Es ist an sich das Normalste der Welt, einen erotischen Wunsch zu äußern. Aber das Opfer einer Vergewaltigung wird es viel Selbstüberwindung kosten, dem sensibilisierten Partner klar zu machen, dass er eine Frau an seiner Seite hat, keine angebrochene Porzellanpuppe.
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