Der Weltenlauf ist ein Gang - von Zimmer zu Zimmer. Ist eine Drehbühne, auf der sich diese schmutzigen, biederen, zerwohnten und doch irgendwie wärmeleeren Zimmer an unseren Augen vorbeidrehen wie der Figurenpark einer Weihnachtspyramide. Ein Karussell der dem Verfall abgewonnenen Lebensäußerungen. In ewiger Bewegung, dieser Weltenlauf, und durch die Zimmer gehen müde, mürbe, mümmelnde, mühsalbepackte Menschen. Einer geht durch des anderen Zimmer. Ohne dass die Fremdheiten weniger würden. Ein Kreislauf ohne Ende: Man kann gar nicht genug kriegen an Fremdheit.
Ein Kind ist überfahren worden, alle leben sich an diesem Schock fragend auseinander. Die erschütterten Eltern. Die demente Großmutter. Die Frau mit der amputierten Brust. Dieser seltsame Fremde, der aus einem Krieg kommt. Der Jugendliche, der sich aller Ordnung und Arbeitspflicht entzieht. Die Terroristenjägerin, die sich heißläuft in ihrem Verfolgungswahn. Alle sind ein großes gemeinsames, aber jeweils sehr individuell isoliertes Wir. Getrieben Erzählende. Verzweifelt Schweigende. Suchend Stolpernde. Die Geschichten dieses Wohnhauses und dieser bösen, bitteren, besorgten, beladenen, bangen und bittenden Nachbarschaften laufen mählich zusammen, gleichen letztlich einem Strudel, so wie sich verbrauchtes Wasser am Abfluss sammelt, noch einmal beschleunigt, ehe alles in die Leere abwärts gerissen wird. Schuld! Das ist das Wort, das durch dieses Stück schreit, stottert, stöhnt, weint. Das Stück: »Das letzte Feuer« von Dea Loher, von Andreas Kriegenburg vor Jahren am Hamburger Thalia inszeniert, mit großem Gespür für gespenstische Unaufhaltsamkeit.
Als Intendant Ulrich Khuon nach Berlin wechselte, brachte er die Arbeit mit, sie hatte nun ihre Dernière, ihre letzte Vorstellung, und es konnte bei der Ehrung des DT mit dem Preis der Bühnenverleger für Bestarbeit mit dem deutschen Gegenwartsstück kein besseres Begleitgeschehen geben als just diese Aufführung: das berückend spröde und geheimnisvoll gebaute Stück Dea Lohers, die in Kriegenburg seit jeher einen arbeitstreuen, ideenverlässlichen, neugierbeseelten Regisseur hat - wie ihn Roland Schimmelpfennig in Jürgen Gosch besaß. Und: das bezwingende Ensemble um Susanne Wolff, Hans Löw, Jörg Pose, Natali Selig.
Mit dieser Aufführung geht eine der derzeit besten Inszenierungen des Deutschen Theaters aus dem Spielplan. Das reißt. Die Decke der Wirkungsmächtigkeit ist nämlich, wo man sich in vielen Formen, versuchsmutig, auf Gegenwartsdramatik konzentriert, automatisch dünn. Gegenwartsdramatik, das heißt: Fragment, nicht unbedingt Erfolgsgarantie, Labor statt Palast, Gartenarbeit statt Gala. Man hat mit solcher Konzentration am Deutschen Theater eine Entscheidung gefällt, die hier und da auch als ein Abfallen von Hochqualität auffällt. Das ist ungerecht, aber jede Tendenzmeldung ist ungerecht. Und nichts bevölkert die Welt mehr als Ungerechtigkeiten. Khuon ist zur Zeit ein Kämpfer gegen, sagen wir also: Ungerechtigkeiten.
Da tut, wegen des einprägsamen Nachwehens im Abschied, so eine Loher-Kriegenburg-Aufführung wie »Das letzte Feuer« wahrhaft gut. Wie da Sprache herausplatzt, weil man die Verständigungsfähigkeit verlor. Wie da einen Abend lang der Schmerz des Lebens seine Stärke, seine Überlegenheit prüft. Nichts Überflüssiges geschieht. Nur dieser wache Schmerz dringt in Leiber vor. Kommt sehr weit in ihnen. Nennt sich Schmerz, ist aber der Weltenlauf.
Aktuelle Ausgabe: 26.05.2012
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