Klickt man sich in diesen Tagen durch die Internetseiten von Bayer Leverkusen, trifft man oft auf Michael Ballack. Er jubelt auf der Startseite und ist der lächelnde Vorzeigespieler im Fanshop. Heute, auf dem Spielfeld bei Werder Bremen, wird man ihn vergeblich suchen - sein Platz ist die Auswechselbank. Während die Marketingidylle um den Werbestar Ballack aufrechterhalten wird, scheint der Fußballer Ballack in Leverkusen nicht mehr viel wert zu sein.
»Es ist der Zeitpunkt erreicht, wo wir uns eingestehen müssen, dass unsere Überlegungen nicht aufgegangen sind«, fällte Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser in dieser Woche ein negatives Urteil über die vergangenen 20 Monate. Einen verweigerten Handschlag Ballacks mit Trainer Robin Dutt nach dessen Auswechslung vergangenen Sonntag nutzte er nun zur Generalabrechnung. Sportlich sowie menschlich habe Ballack die Erwartungen nicht erfüllt. Zuletzt hatte sich der Ex-Nationalspieler geweigert, mit einer öffentlichen Stellungnahme für eine harmonische Außendarstellung zu sorgen.
Positive Schlagzeilen könnte Leverkusen durchaus gebrauchen. Beim Tabellensechsten ist man trotz Erreichens des Achtelfinals in der Champions League mit der Entwicklung unzufrieden. Schon sieben Punkte trennen Bayer vom Führungsquartett, die erneute Qualifikation für die Champions League wird schwer. Vor allem aber die oft wenig inspirierende Art und Weise des Fußballs unter Dutt missfällt der Führung.
Die Kritik von Holzhäuser an Ballacks fußballerischen Darbietungen ist aus seiner Sicht verständlich. »Michael hat große Führungsqualitäten, wir erhoffen uns viel von ihm«, sagte er im Sommer 2010 nach der Verpflichtung. Doch Ballack ist mittlerweile 35, der Körper fordert nach über 16 Jahren Profifußball Tribut - der ehemals so torgefährliche Mittelfeldspieler hat Spritzigkeit und Zug zum Tor verloren. Doch ohne entsprechende Leistung kann man kein Führungsspieler sein.
Das Problem liegt einerseits bei Ballack, weil er diesen Anspruch nie abgelegt hat. Doch eben nicht nur bei ihm. Seinen Zenit hatte er schon überschritten, als Bayer ihn verpflichtet hatte. Und dass der gebürtige Sachse kein bequemer Ja-Sager ist, wussten die Verantwortlichen ebenfalls. Warum sie einem damals 33-Jährigen dennoch 15 Millionen Euro Gehalt für einen Zweijahresvertrag gegeben haben, machte Holzhäuser selbst deutlich: »Der Transfer liegt außerhalb des Haushalts. Das ist mit der Konzernspitze abgestimmt.« Der Werksklub und der Chemieriese Bayer wollten ihr Image mit großen Namen aufpolieren. Das hat seit Bernd Schuster und Rudi Völler in Leverkusen Tradition.
»Erster ist bei uns natürlich Herr Ballack«, sagte Frank Hüttemann, Leiter des Klubmerchandisings, gegenüber »nd« auf die Frage nach dem Trikotverkauf in den vergangenen anderthalb Jahren. Der Plan, Ballack als Marketingmaschine zu holen, ist aufgegangen. Selbst wenn er kein einziges Spiel mehr für Leverkusen bestreiten sollte, lächeln und jubeln wird er weiterhin - wenigstens auf der Internetseite des Vereins. Dass sich das mit der Kritik beißt, ist Holzhäuser offenbar egal.
Aktuelle Ausgabe: 24.05.2012
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