Von Wolfgang Hübner
30.01.2012

MOSEKUNDS MONTAG

SELBSTVERSUCH

Herr Mosekund hatte seinem Briefkasten eine Werbebroschüre der »Gesellschaft für Grenzerfahrungen« entnommen und sich nach reiflicher Überlegung entschlossen, ein paar Angebote aus der Rubrik »Plötzlich … jemand anders« auszuprobieren. Als erstes wählte er »Plötzlich 90« aus, wofür er einen Anzug tragen musste, der jede Bewegung greisenhaft mühselig machte. »Waren Sie krank?« fragten ihn am Tag danach die Nachbarn besorgt. Dann interessierte er sich für »Plötzlich Millionär« - nach der Einnahme eines speziellen Mixgetränks fielen ruckartig alle materiellen Sorgen von ihm ab, und noch einige Zeit später bedankten sich die Nachbarn bei ihm für die noble Großzügigkeit, mit der er - wie er zu seiner Bestürzung erfuhr - Geschenke verteilt und Einladungen ausgesprochen hatte. Schließlich wagte Herr Mosekund einen letzten Versuch, und nachdem er die dazu notwendige Tablette eingenommen hatte, verbrachte er einen unbeschwerten, auf beinahe unheimliche Weise fröhlichen Tag. Allerdings sprach danach niemand mehr mit ihm. Die Nachbarn wichen ihm aus und tuschelten in sicherer Entfernung über ihn. Irritiert las er in der Werbebroschüre nach, was er da eigentlich gebucht hatte: »Plötzlich bescheuert«.

Werbung in eigener Sache

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