Das folkloristische Treiben des »Zwickauer Trios«, das am Wegesrande seiner Wanderungen durch westdeutsche Felder und Auen knapp geschätzt zehn Tote zurückgelassen hat, löste in der Stasiunterlagenbehörde Freude aus. Und zwar Arbeitsfreude! Und Vorfreude: auf Pressekonferenzen, auf Forschungsprojekte mit entsprechender finanzieller Ausstattung, auf feingesponnene Publikationen im Links-Verlag und frische Wortmeldungen von Freya Klier und Vera Wollenberger. Sonst sitzt man dort herum und muss zum -zigsten Mal dieselben Leute entlarven oder das »ungeheure«, »nicht erlahmende« und sogar »überraschende« Interesse an den Stasiakten in Zahlen ausdrücken. Manchmal organisiert man sich Publicity. Wenn beispielsweise Mielkes personengebundene Toilette endlich mit einer westlichem Standard entsprechenden Wasserspülung ausgerüstet wurde, dann eilen die Journalisten herbei und schildern diesen »Ort des Grauens«, dieses »Gruselkabinett« und schleichen Schulkindern mit der Kamera nach, die vor Mielkes Schreibtisch weisungsgemäß den kalten Atem des Kommunismus spüren, von Gänsehaut, Schluckauf oder Durchfall befallen werden.
So soll das weitergehen, denn mit den Stasiakten wird nach dem Willen fast aller im Bundestag vertretenen Parteien weiter Politik gemacht - mindestens so lange, wie es die DDR gegeben hat.
Zuletzt war die Behörde wohlig enthusiasmiert, als westdeutsche Wissenschaftler (der weltbekannten Zeppelin-Universität in Friedrichshafen) ein Patentrezept dafür entwickelt hatten, wie man alles, was irgendwie doof oder eklig oder auch nur unangenehm ist, mit der Stasi begründen kann. So ist die Anzahl von Teenagerschwangerschaften in jenen ostdeutschen Landstrichen besonders hoch, in denen es die meisten IM gegeben hat (die natürlich als Bürgermeister, Übungsleiter im Frauenfußball oder Friedhofsgärtner immer noch die Gesellschaft vergiften bzw. 14-Jährige schwängern). Genauso verhält es sich mit der Zahl der Schulabgänger, die nicht schwimmen können, der Erwachsenen mit schmerzhaftem Fersensporn und der Senioren, die beim Ladendiebstahl ertappt werden. Außerdem sterben in stasikontaminierten Gegenden die Menschen ein halbes Jahr früher als woanders, sind häufiger kleinwüchsig, rachitisch oder alkoholabhängig.
Sie sind auch viel öfter Nazis! Die Stasiakten müssten neu gelesen werden, verkündete neulich der Behördenleiter Jahn (wenn auch sprachlich nicht so flüssig, wie es hier geschrieben steht). Insofern war das Wirken des »Zwickauer Trios« segensreich - denn jetzt wird klar: Es handelte sozusagen auf Anweisung von Stasi und Politbüro. Noch ist die Befehlskette nicht lückenlos aufgedeckt. Aber waren der Vater und ein Onkel von dem einen Mörder nicht IM? Wurde nicht in vielen Familien hoher Stasi-Offiziere Führers Geburtstag feuchtfröhlich gefeiert? Fühlte sich Beate Z. nicht zeitweise - so ähnlich wie Angela Merkel - zur FDJ hingezogen? War das Handeln der Bande nicht »hochkonspirativ«, ihre Tarnung »perfekt«, wie man es nur im MfS-Ferienlager gelernt hat?
Wie gelang es der Stasi, den Neofaschismus zu einer beliebten Freizeitbeschäftigung ostdeutscher Jugendlicher zu machen? Das zu erklären ist nicht leicht. Das kann nur einer: Markus Meckel. Der erklärte es im Radio so: Der staatlich verordnete Antifaschismus der SED war eine solche Qual, dass er viele Jugendliche in den Neofaschismus trieb, als Widerstandshandlung. Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt sind also Widerstandskämpfer gegen das DDR-Regime - allerdings Spätzünder. Ob sie nun auch in die Heldenreihe Arnold Vaatz - Vera Wollenberger - Markus Meckel - Bärbel Bohley aufgenommen werden? Diese Frage kann man wohl erst nach gründlichster Neubewertung der Stasiakten durch Roland Jahn und seine fleißigen Mitstreiter beantworten.
Die Enttarnung des Zwickauer Nazitrios rückt den Kampf gegen rechts wieder in den Mittelpunkt der Debatte. Die Politik erschwert die Arbeit der Initiativen gegen Rechtsextremismus, denn die Projekte haben mit Mittelkürzungen und der Extremismusklausel zu kämpfen. Die Diskussion über ein Verbot der NPD ist in Fahrt - das Verfahren jedoch noch lange nicht in Sicht.
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Die Morde und Überfälle des »Nationalsozialistischen Untergrunds« gelten weithin als neue Qualität rechter Gewalt. Doch Rechtsterrorismus ist in Deutschland kein neues Phänomen. »nd« zeichnet in einer Serie die Spuren nach, die in die Morde des »Zwickauer Trios« mündeten. Mehr
Natürlich die Wessis, oder kann sich noch jemand daran erinnern, dass wir DDR-Bürger wie neonazistische Westzonies rumgebrüllt hatten? Ich nicht, obwohl ich in Cottbus gewohnt hatte und dann kurz nach der Wende die Dinge um das Asylbewerberheim in Sachsendorf erleben durfte. Klar sind einige dumpfbackige Blödmänner dem Wessi Kühn hinterhergelaufen und haben in Groß-Gaglow in der Kneipe ihren Faschismus gefröhnt. Aber wie ich schon meinte, der faschistische Pöbel hat einen Bildungsnotstand durchlitten, der bis heute wirkt. Und was haben wir uns bemüht, den Blödmännern in der Schule und im Beruf noch ein bisschen Wissen beizubringen. Doch, wo nur Müll in der Birne ist, wird auch kein Wissen sein. Zurück zum Artikel, der ist wunderbar geschrieben und provoziert zu solchen Gedanken, wie schon vorausgegangen. Und dass ein Vorturner Jahn, neuerdings die Stasi neu bewerten wird und will, soll er doch. Aber wer in einer Demokratie ein Feind der Demokratie ist, der muss eben mit dem Gesetz rechnen, welches er nicht beachtet. Soviel dazu, als Staatsbürger habe ich ein Staatsbewustsein und eine Staatsbürgerpflicht und wenn ich in den Westen will, einfach ausbüxen, dann bin ich ein Wirtschaftsflüchtling, vielleicht ist der Herr Jahn auch so einer gewesen und vorher gefangen worden?
Didi
Wo Matthias Wedel scheinbar übertreibt, macht er lediglich deutlich, daß mensch hinter die Dinge schauen kann. Mensch muß es nur wollen. Und bei Wedel macht das auch noch Vergnügen.
Zuständig war wohl ein gewisser Seiters. Er saß ja auch beim OB auf dem Sofa, als es in R. brannte. Sie haben ihn dann ruhig gestellt - beim DRK.
Mathias Wedel macht es mir leichter, den von ihm aufgespießten Unsinn (METHODE!) zu ertragen. Auf seinen Flattersatz warte ich schon immer, auch deshalb mag ich das nd! Ich möchte ihm und uns damit weiterhin eine so gut gelungene Satire wünschen!
Aktuelle Ausgabe: 26.05.2012
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