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Von Kira Taszman 01.02.2012 / Berlin / Brandenburg

Lynchmob und Tyrannenmord

Das Zeughauskino präsentiert eine Fritz-Lang-Retrospektive

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Der Kindsmörder und sein Opfer: Peter Lorre in »M« (1931)⋌

Der vornehme ältere Herr verströmt im dunkelblauen Nadelstreifenanzug und dem Monokel vorm linken Auge durchaus Respekt. In Jean-Luc Godards Drama »Die Verachtung« (1963) spielte der damals 72-Jährige Fritz Lang sich selbst. Indem der junge Wilde Godard dem Altmeister Lang diese Rolle antrug, verbeugte er sich demonstrativ vor dem gewaltigen Werk des österreichisch-deutschen Meisterregisseurs. Denn dass Lang ein Visionär und Innovator der siebten Kunst war, ein Revolutionär des Stummfilms, der auch den Übergang zum Tonfilm spielend meisterte, gilt heute als Binsenweisheit. Allein der Einfluss von Langs Meisterwerk »Metropolis« (1927) spiegelt sich in modernen Science-Fiction-Klassikern wie Ridley Scotts »Blade Runner« (1982) oder Spielbergs »Minority Report« (2002) wider.

»Metropolis«’ Straßenschluchten oder die Effekte von in Schwindel erregender Höhe operierenden Autobahnen verblüffen auch heute, antizipierten sie doch den Look moderner Megapolen. Kolonnen robotergleicher Arbeitssklaven in der Unterwelt der Metropole standen dagegen für die Entfremdung der arbeitenden Massen im Industriezeitalter.

Dass das Zeughauskino sein 20-jähriges Bestehen ausgerechnet mit einer quasi kompletten Fritz-Lang-Retrospektive feiert, leuchtet an einem Kinostandort wie Berlin ein: Hier, in Babelsberg und Staaken, entstanden die Werke aus Langs deutscher Schaffensperiode. Immer wiederkehrende Topoi des gebürtigen Wieners spiegelten den Zeitgeist der Weimarer Republik wieder: Eine von Kriegsniederlage und Wirtschaftskrise gebeutelte, demokratisch ungefestigte Gesellschaft wird von dunklen Mächten heimgesucht: Unheil lauert in Form von Monstern (»Die Spinnen«, 1922), einem desillusionierten Sensenmann (»Der müde Tod«, 1921) oder Paranoia und Überwachung.

Die Figur des genialen aber wahnsinnigen Masterminds stellt eine Konstante im Oeuvre Langs dar: Sei es der Wissenschaftler Rotwang in »Metropolis« oder der - optisch an Lenin erinnernde - Leiter eines Spionagerings (»Die Spione«, 1928), ganz zu schweigen vom allgegenwärtigen, chamäleonartigen Manipulator Dr. Mabuse. Diese drei von Rudolf Klein-Rogge mit irrer Mimik, variierenden Haartrachten und Masken verkörperten Schurken unterwandern als Drahtzieher mit Allmachtsfantasien die Gesellschaft. Zum einen sind sie fleischgewordene Abbilder aus der Fantasie des Abenteuer- und Groschenroman-Verehrers Lang.

Zum anderen kristallisieren sich in diesen Aufrührern Vorläufer des Nationalsozialismus heraus, auch wenn die explizite politische Parteinahme Langs erst in seinen Tonfilmen erfolgte. So entlarvt der Regisseur in seinem Klassiker »M« (1931) den von Gustaf Gründgens verkörperten Anführer der Unterwelt, indem er ihn sozialdarwinistische Dialoge sprechen lässt, die mit dem humanistischen Geist des Films kontrastieren.

Lang hatte sich von dem ideologischen Einfluss seiner Ex-Frau, Ko-Szenaristin und späteren Nationalsozialistin Thea von Harbou emanzipiert: Der Legende nach soll er direkt nach einem Gespräch mit NS-Propagandaminister Goebbels, der ihn in seine Dienste stellen wollte, den Zug in die Pariser Emigration bestiegen haben.

In etlichen seiner darauf folgenden Hollywood-Filme vertieft Lang das Thema von »M«: die Verfolgung eines Individuums - schuldig oder nicht - durch aufgehetzte Massen. Ein Lynchmob verfolgt so in »Fury« (1936) einen aufrechten Automechaniker (Spencer Tracy). Langs amerikanische Anti-Nazi-Filme dagegen benennen die feindlichen Mächte nun konkret. In »Auch Henker sterben« (1943) reflektiert er anhand des authentischen Attentats auf den Prager »Reichsprotektor« Heydrich den Tyrannenmord und die grausamen Repressalien vonseiten der NS-Okkupanten. Der Film schmückt sich mit dem einzigen von Bertolt Brecht in Hollywood geschriebenen Drehbuch, freilich verlief die Zusammenarbeit des wortgewaltigen Brecht mit dem bildorientierten Lang nicht ohne Kräche.

Doch Lang konnte auch schnörkellose Genrefilme drehen, wie den ungemein spannenden Film Noir »Gefährliche Begegnung« (1944): Dort verwickelt eine Femme Fatale einen biederen Professor in einen Mord.

Das - von manchem als trivial erachtete - Spätwerk Langs in der Bundesrepublik der späten 50er Jahre besteht, wie »Der Tiger von Eschnapur«, erneut aus Abenteuerfilmen. Dagegen entlarvt der Kalte-Kriegs-Thriller »Die 1000 Augen des Dr. Mabuse« Langs wiederbelebten Oberschurken Mabuse endgültig als Scharlatan. Doch auch Langs weniger bedeutende Werke tun seinem Ruhm als Klassiker des Weltkinos keinen Abbruch - Jean-Luc Godard hatte dies erkannt.

Februar und März im Zeughauskino, Unter den Linden 2

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24.05.2012 | Katja Eichholz, David König und Olaf Präger

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