Zuerst sah alles ganz harmlos aus: Eine Kooperative mit dem schönen Namen »Schildkröteninsel« (Isola delle Tartarughe) hatte von der Stadt Rom ein altes Bauernhaus mit drei Hektar Land am Rande der Metropole zugewiesen bekommen. Doch dann stellte sich heraus, dass die »Schildkröteninsel« eine Art Deckorganisation ist, nämlich für CasaPound.
Die nach dem amerikanischen Dichter und Sympathisanten des Mussolini-Faschismus Ezra Pound benannte Organisation wurde 2003 in Rom gegründet und gelangte schnell zu trauriger Berühmtheit. Sie macht sich zwar in ihrer Außendarstellung für soziale Themen stark und besetzte inzwischen in ganz Italien leer stehende Häuser, um sie Obdachlosen zur Verfügung zu stellen. Aber Mitglieder von CasaPound sind auch in eine Reihe von Angriffen auf linksgerichtete Jugendliche verwickelt. Zudem ist bekannt, dass Verbindungen zu dem internationalen Neonazinetzwerk »Blood and Honour« (Blut und Ehre) bestehen, das in mehreren Ländern, auch in Deutschland, verboten ist.
CasaPound, immer darum bemüht, sich einen legalen Anstrich zu geben, ist zum Anlaufpunkt für profaschistische Gruppen und Personen geworden. Auch der Attentäter Gianluca Casseri, der Mitte Dezember zwei senegalesische Straßenhändler in Florenz erschoss, besuchte regelmäßig Veranstaltungen von CasaPound im toskanischen Pistoia. Der Gründer und Präsident von CasaPound, Gianluca Iannone, wurde 2009 wegen eines brutalen Angriffs auf einen Polizisten verurteilt.
Zu den Unterstützern der Organisation gehören aber auch eine Reihe von ehemaligen Weggefährten des heutigen Oberbürgermeisters von Rom, Gianni Alemanno, der in den 80er Jahren leitende Funktionen in rechtsradikalen Organisationen innehatte. Der Politiker der Berlusconi-Partei »Volk der Freiheit« wurde von ihnen im Wahlkampf 2008 unterstützt. Die kostenlose Verpachtung des Bauernhofes könnte als Begleichung alter Rechnungen verstanden werden.
Roms Bürgermeister hat sich seit Amtsantritt um seine »alten Freunde« gekümmert. So arbeitet der kürzlich wegen eines glücklicherweise fehlgeschlagenen Auftragsmordes verhaftete Neofaschist Carlo Giannotta heute beim römischen Nahverkehr und sein Bruder - ebenfalls Neofaschist - ist im Rathaus von Rom unter anderem für den Blumenschmuck in der Stadt verantwortlich. Die Liste der römischen Neonazis, die durch Alemanno gut bezahlte Jobs gefunden haben, ist lang.
Kürzlich sorgte ein weiterer Fall für Aufregung im Bürgermeisteramt. Es wurde bekannt, dass der italienische Konsul in Osaka, Mario Vattani, in einer rechten Rockgruppe spielt, deren Texte den Mussolini-Faschismus verherrlichen. Er wurde inzwischen seines Amtes enthoben, das Außenministerium prüft, ob es Anzeige erstatten kann. Vattani trat mit seiner Gruppe unter anderem bei einem von CasaPound organisierten Konzert auf und wurde vom Publikum mit dem Römischen Gruß empfangen. Er hat enge Verbindungen zum heutigen Oberbürgermeister von Rom. Zwischen 2008 und 2011 war Vattani »diplomatischer Berater« des 53-jährigen Alemanno - erst als dieser unter dem damaligen Regierungschef Silvio Berlusconi Landwirtschaftsminister war und dann im Kapitol, dem römischen Rathaus.
Immer mehr Organisationen äußern ihre Besorgnis darüber, dass der rechtsradikale Mob gerade in Rom immer virulenter wird. In einer Erklärung der Demokratischen Partei heißt es: »Seit Alemanno im Rathaus sitzt, treibt die extreme Rechte in der Stadt ihr Unwesen und genießt die Unterstützung des Bürgermeisters, der zumindest fragwürdige Beziehungen zu einem Großteil der extremistischen Organisationen unterhält.«
Aktuelle Ausgabe: 25.05.2012
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