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Von Silvia Ottow 01.02.2012 / Wirtschaft

Sprachstörung statt Scharlach

Krankenkassenreport bescheinigt 1,1 Millionen Kindern Probleme bei der Entwicklung des Mundwerks

Der diesjährige Arztreport der BARMER GEK untersuchte die ambulante ärztliche Versorgung der Kinder. Die Ergebnisse belegen, dass Sprachstörungen, Hyperaktivitätsstörungen und Neurodermitis die neuen deutschen Kinderkrankheiten sind, während man die alten wie Scharlach oder Windpocken relativ gut im Griff hat.

Logopäden dürften derzeit eine gute Auftragslage verzeichnen. Die Sprecherzieher behandeln Menschen mit Sprach-, Sprech-, Stimm- und Schluckstörungen. Nach der gestern in Berlin vorgestellten Untersuchung einer der größten deutschen gesetzlichen Krankenkassen hat jedes dritte Kind im Vorschulalter eine gestörte Sprachentwicklung. Im Zeitraum eines Jahres seien 1,1 Millionen Kinder betroffen.

Kann ein Kind mit zwei Jahren keine Zwei-Wort-Sätze bilden, hat es mit drei Schwierigkeiten, kleine vollständige Sätze zu formulieren und zu verwenden, kommt es kurz vor dem Schuleintritt immer noch nicht mit der Grammatik klar, kann es die Laute nicht eindeutig artikulieren oder hat es nur einen geringen Wortschatz - dann betrachtet der Arzt die Sprachentwicklung dieses Kindes als gestört und empfiehlt den Eltern eine logopädische Behandlung. Zu gut einem Drittel werden Vorschüler mit einer solchen Diagnose dann auch tatsächlich therapiert.

Jungen sind öfter von Sprachstörungen betroffen als Mädchen. Im sechsten Lebensjahr kommen sie auf einen Anteil von rund 38 Prozent, Mädchen auf 30 Prozent. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei der Behandlung: Während 20 Prozent aller fünfjährigen Jungen eine Logopädieverordnung erhalten, sind es nur 14 Prozent der gleichaltrigen Mädchen. Warum das so ist, konnten die Experten gestern nicht erklären und verwiesen nur lapidar darauf, dass Mädchen mit dem Sprechen im Allgemeinen weniger Schwierigkeiten hätten.

Grund zur Aufregung sind die Untersuchungsergebnisse für den stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Kasse, Rolf-Ulrich Schlenker, dennoch nicht: »Wir sehen, dass professionelle Sprachförderung in Anspruch genommen wird«, erklärte er und räumte ein, dass ein Teil der Diagnosen auch auf überbesorgte Ärzte und Eltern vor dem Eintritt der Kinder in die Schule zurückzuführen sein könnten. Zugleich hob er das hohe ambulante Versorgungsniveau in Deutschland hervor: »Die kinderärztliche Betreuung sucht ihresgleichen.« Bis zum Alter von sechs Jahren hätten jährlich mindestens 89 Prozent der Kinder Kontakt zu einem Kinderarzt. Insgesamt liege die Inanspruchnahme von Haus-, Kinder- und Fachärzten in den ersten sechs Lebensjahren sogar bei 98 Prozent.

Mit der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) und immer mehr Fällen des Atopischen Ekzems (Neurodermitis) sind laut Arztreport weitere neue Kinderkrankheiten auf dem Vormarsch. 16 Prozent aller Dreijährigen haben diese Art von Hauterkrankung. Auffällig ist, dass Thüringen, Sachsen-Anhalt und Sachsen prozentual die meisten Betroffenen haben. Von ADHS sind Schätzungen zufolge rund 500 000 Kinder und Jugendliche betroffen. Jeder zehnte neunjährige Junge geht zum Neurologen oder Psychiater, 60 Prozent davon mit der Diagnose ADHS. Bei den neunjährigen Mädchen werden sechs Prozent behandelt, davon rund 40 Prozent mit ADHS-Diagnose.

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