Von Hans-Dieter Schütt
03.02.2012

Schlipse, Schmutz

Christian Wulff – dieser Bundespräsident wird dringend gebraucht

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Ungerecht behandelt: Herr Schmidt

Wir haben derzeit den wirkungsvollsten Bundespräsidenten vieler Zeiten. Es gibt nämlich einen Vorbildcharakter der öffentlichen Tat, der nichts mit deren Antrieb zu tun hat. Man sollte überhaupt nie von dem, was ein Mensch an Positivem in die Welt setzt, unmittelbar auf dessen Motive schließen. Bewegung kommt auf jene Weise in die Welt, die Goethes Mephisto in die verblüffend dialektische Selbstaussage fasste: »Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.«

Womit wir bei Christian Wulff sind, der im Labyrinth amtsschädigender Vergünstigungen noch immer nach einem guten Ausgang tappt. Ihm gilt Dank. Er schafft das Gute nicht aus Bosheit, eher aus Versehen, aber: Vielleicht ging ein kleiner Ruck durchs Land? Denn: Muss sich nicht plötzlich jeder Schwarzfahrer in der Straßenbahn als Komplice des Mannes fühlen, der so jämmerlich zwischen Rechtfertigungen und magerem Schuldbedenken hin und her lächelt? Schlägt nicht jeder Journalist, indem er den Presseausweis in private Vergnügungen hineinreckt, einen winzigen Kumpelbogen zum Herrn auf Schloss Bellevue?

Wulff hat die öffentliche Feinfühligkeit für Rechnungsehrlichkeit ins unerwartet Fiebrige schnellen lassen. Seit er Spießruten läuft, müssten die Finanzämter von unzähligen Versäumnisbeichten überschüttet werden. Oder alle Entrüsteten heucheln. Wulff hat auf unglückliche Weise Maßstabrettung betrieben; indem er nicht zurücktritt, hält er die Debatte auf höchstmöglichem Niveau: Sie dringt ins Alltägliche ein. Kurz jedenfalls. Kurzzeitigkeit ist das Erkennungszeichen moderner Moraldiskurse.

Die Formel, dass eine bestimmte Art Geistestätigkeit die damit Beschäftigten zu Treuhändern des Gewissens erhebt, ist dank Wulff ungemein akut geworden, zugleich war sie noch nie so komisch, leer, pompös. Es erweist sich im Bleibensstarrsinn des Angeschlagenen eine große Erkenntnis: Gewissen ist nicht delegierbar. Da kann man noch so viel recherchieren und untersuchen und kann doch trotzdem nichts machen. So wurde Wulff zum Lehrer. Die Lehre: Was du anderen weismachen willst, solltest du selber leben. Funktioniert natürlich nicht. Immer übersteigt das hohe Wort die niedere Tat. Wort und Tat in dauernde Übereinstimmung bringen zu müssen, wäre ein frühes Lebensende. Welches offenbar auch erreicht ist, wenn man Bundespräsident wird.

Soeben gelangte auf Seite 1 einer Tageszeitung die Nachricht, Wulffs machten Skiurlaub in Thüringen, in einer Pension, wo die Zimmer um die 40 Euro herum kosten. Der Niedrigpreis der realen Einkehr als Ausdruck innerer Einkehr? Jetzt wird Bescheidenheit betrieben, dass die sich gefoltert fühlen muss! Die SPD spielt Volksnähe, lässt Sigmar Gabriel auf Facebook »vorpolitische Räume« betreten, ja, der setzt sich sogar ins Wohnzimmer eines kleinen Bäckers. Sensationell: Deutschland rückt zusammen, das Oben lässt sich herab zum Unten, aber man wird den Eindruck nicht los, dieses Oben müsse dabei ein Gesicht verbergen, wie man es von »Dschungelcampern« kennt.

Wie hämisch hat man vor Jahren auf Brandenburgs Sozialministerin Regine Hildebrandt reagiert, als sie vorschlug, bei SPD-Parteitagen nicht in teuersten Hotels zu nächtigen, sondern bei Parteimitgliedern daheim; also: unterwegs auf einen Luxus zu verzichten, der in beschämendem Widerspruch stünde zum Sinn der Politik. Es ging nicht darum, Suppenküchen, Nachtasyle zu besetzen, es ging um den Nachweis, ein Gefühl zu haben für wachsende soziale Missverhältnisse und Kraft für notwendige Konsequenzen in der eigenen Verhaltenskultur.

Wer durch den Kasus Wulff so alles angeschwemmt wird ans sumpfige Ufer, es ist schon ein wenig ekelhaft. Maschmeyer und Co. Oder der Partykönig Manfred Schmidt, der Wulffs Sprecher Glaeseker bestochen haben soll. Die Hautevolee des politischen, medialen Geschäfts trifft sich gern in seiner Berliner »Residenz«. Verwahrloster Lobbyismus ist das; der »Spiegel« nennt Partysummen, 453 985 Euro, 504 322 Euro - nun wurde Schmidt Ermittlerobjekt und klagt doch tatsächlich über die »Ungerechtigkeiten dieser Welt«.

Das ist der Schlüsselton. Wenn jetzt in Berlin und anderswo Edellogen und fest gebuchte Plätze in VIP-Bereichen leer bleiben, so ist das nicht Folge von Umdenken, sondern nur Vorsicht. Frank Steffel von Berlins CDU sagt: »Politiker haben schlicht keine Lust darauf, sich automatisch der Kritik auszusetzen.« Automatisch Kritik? Das geht nicht ans eigene Moralempfinden, das zielt auf eine Beschwerde über die reflexhafte Bedrängung durch Untersuchungsorgane und Medien - von diesem Satz ist es nur ein Atemzug zur Schmidt-Klage, die Welt sei ungerecht.

Diese Leute sind Könige der Welt, sie tragen ihre Herrschaftszeichen immer offener. Die wachsende Kluft zwischen den Lebenswelten, ein unüberbrückbarer Erfahrungsabstand schufen Parallelwelten. Was wissen Schlipsträger vom Schmutz, außer, wie sie ihm ausweichen? Was weiß der Star-Kolumnist von der »abgestumpften Gleichmäßigkeit« (Soziologe Heinz Bude) millionenfachen Lebens?

Aus Talkshows zum Beispiel blicken Leute, die selbst nichts zu befürchten haben, bei denen »leicht das Wort ersetzt, was sie mit Herz und Haut und Blicken nie erfuhren« (Schiller). Leute ohne jeden Mut zum Mitleid - Abstraktionsvermögen hat seinen Preis. Es fehlt Gespür dafür, was in den Gemütern derer vorgeht, die nicht auf der Seite rechtssicherer Dienstverträge stehen. Zwischen den Geldscheinen knistert kein Charakter, überm kalten Grund der nackten Zahlungen ist kein Schluchzen hörbar, »wie ein Engelsseufzen über den Höllengründen oder ein leiser warmer Menschenton über dem Eis der schweigenden Gipfel« (Ezra Pound).

Wulff hat vollbracht, dass das kleine Ein-Cent-Stück ein wenig ehrwürdiger beschaut wird. Vielleicht sollte er wirklich im Amt bleiben. Als Beleg der Chancengleichheit: Auch das schlechte Gewissen kann es bis nach ganz oben schaffen. Wo es just das tut, was es in jedem Menschen macht: Es trägt einen wohlklingenden Tarnnamen. Darüber wissen wir nun deutlicher, schmerzlicher Bescheid. Wulff wird nie wieder Glanz haben. Aber er taugt wie kein Präsident vor ihm glänzend zum Spiegel.

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