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Von Rainer Funke 03.02.2012 / Berlin / Brandenburg

Hilfe in der Trauma-Ambulanz

Im Modellprojekt der Charité für Gewaltopfer warten Experten mit Therapie nicht erst auf Genehmigung

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Dr. Olaf Schulte-Herbrüggen ist Oberarzt an der Psychiatrischen Universitätsklinik der Charité.

Sexuelle Übergriffe, Familiendramen und Überfälle können zu schweren seelischen Verletzungen führen. Sie sind allesamt verbunden mit Gewalt, dazu Bedrohungen, die Lebensgefahr signalisieren, können einen selbst oder jemanden neben sich betreffen. Man wird einen knappen Moment mit dem Gefühl der Hilflosigkeit in einer Art konfrontiert, die unerträglich erscheint. »Eine solche Hilflosigkeit ist schwer zu akzeptieren, weil wir immer glauben, unser Leben stets kontrollieren zu können«, denkt Dr. Olaf Schulte-Herbrüggen. Der Oberarzt leitet die Psychotraumatologie der Psychiatrischen Universitätsklinik der Charité im St.-Hedwig-Krankenhaus.

Viele Betroffene verharren deshalb, meint er, in anderen ebenso belastenden Gefühlen wie Schuld oder Scham, um sich nicht mit Ohnmacht oder Hilflosigkeit konfrontiert zu sehen. Um Gewaltopfern kurzfristig helfen zu können, hat die Charité zu Jahresbeginn eine Trauma-Ambulanz für Erwachsene und eine für Kinder eröffnet.

Das Modellprojekt orientiert sich am Opferentschädigungsgesetz. Es geht davon aus, dass der Staat den Bürger vor Gewalt schützen muss. Für den Fall, dass er das nicht tut oder tun kann, muss er sich wenigstens um die Folgen kümmern. Hier setzt die Trauma-Ambulanz für Gewaltopfer an. Ausdrücklich wendet sich das Projekt nicht an Bürger, die in einen Verkehrsunfall geraten sind oder Kriegserlebnisse wie in Afghanistan nicht verarbeiten.

Die Reaktionen auf ein Trauma sind sehr verschieden: Angst, Depression, Wut, Schlafstörungen, scheinbar unmotivierte Schweißausbrüche, Albträume. »Bei alldem handelt es sich anfangs nicht um Krankheitssymptome, sondern um normale Reaktionen auf ein unnormales Ereignis.« Gerade deswegen treffen wir keine raschen Diagnosen, weil häufig manche psychischen Nöte von allein wieder gut werden. Trotzdem haben die Patienten häufig kein Verständnis dafür, können nicht werten, was passiert, sind deshalb verängstigt über ihre Reaktion.

Das führt nicht selten dazu, dass sich das Problem chronifiziert. »Wir müssen gleich am Anfang gemeinsam mit dem Patienten herausfinden, wo wir es mit einer ganz normalen Reaktion zu tun haben und wo es schwierig wird und eine Behandlung beginnen sollte«, ist sich Dr. Schulte-Herbrüggen sicher.

Betroffene sollten nicht selbst entscheiden, ob die Kriterien des Opferschutzgesetzes auf sie zutreffen, so der Arzt. Das kann in der Sprechstunde der Trauma-Ambulanz gemeinsam mit dem Arzt geschehen, wenn der entsprechende Antrag ausgefüllt wird. Die Genehmigung bleibt unabhängig davon, dass schon in der ersten Sprechstunde therapiert werden darf.

Das Projekt geht auf Anregungen der Senatsverwaltung für Gesundheit und des Landesamtes für Gesundheit und Soziales (LaGeSo) zurück. Wie in der Charité ist man dort der Ansicht, dass es viel Sinn macht, nicht erst abzuwarten, bis der Behandlungsantrag eines Opfers nach sieben oder acht Monaten bearbeitet, genehmigt und ein Gutachten erstellt ist, um dann erst zu überlegen, welcher Therapeut und welche Therapie günstig wären. »Wir wollen sofort nach dem traumatischen Ereignis verhindern, dass es zu schlimmen psychischen Folgen kommt«, erläutert der Oberarzt. Man müsse eine Chronifizierung vermeiden. Wenn sie erst begonnen habe, sei schon viel zu viel mit dem Patienten passiert.

Weil die Betroffenen oftmals keine Erfahrungen mit Psychotherapeuten oder Psychiatern haben, erweist sich insbesondere der erste Schritt in die Trauma-Ambulanz als schwierig. Nicht selten gibt es besorgte, gelegentlich nicht leicht nachvollziehbare Vorstellungen, was denn dort passieren werde. Deshalb lege man Wert darauf, den potenziellen Patienten ein möglichst offenes, niederschwelliges Angebot zu machen.

Als Problem erwies sich bisher, dass Patienten mehrere Monate auf einen ersten Termin beim niedergelassenen Psychotherapeuten warten mussten. Mit der Trauma-Ambulanz ändert sich das. Innerhalb weniger Tage kann es zur ersten, je nach Bedarf auch zu weiteren vom LaGeSo finanzierten Sitzungen kommen, sofern es der Patient möchte. Um ihn bei der Symptomatik zu begleiten und ihm zu helfen, mit ihr umzugehen. Das hat häufig einen entlastenden Effekt für den Patienten.

Man sitzt in einem hellen Raum, keine Liege, nur zwei Sessel - keine Mystik, keine Beschwörungen, keine Magie. Vielmehr gibt es ein entspanntes Gespräch über die Befindlichkeit des Patienten. Der muss auch nicht fürchten, dass er erzählen soll, was er nicht möchte. Es folgen, sofern es ratsam erscheint, fünf oder sechs weitere Zusammenkünfte mit dem Arzt, die übrigens kostenlos sind. Dann gibt es guten Rat, ob und wo eine Langzeittherapie nützlich wäre, auch um zu verhindern, dass aus psychischen Spätfolgen ein Rentenfall wird.

Für viele Leute dürfte der Gang in die Ambulanz nicht leicht sein. Brauche ich nicht, ist ein oft gehörtes Argument. Wenn sie ein solches Gefühl haben, dann sollen sie auch nicht kommen, sagt Schulte-Herbrüggen. Sondern nur dann, wenn es ihnen schlecht geht und sie denken, Unterstützung nötig zu haben, sind sie in der Ambulanz richtig. Vor allem Gewaltopfer zögen sich aber eher zurück und nähmen wenig wahr. Deshalb liege auch eine Verantwortung im tagtäglichen Umfeld - beim Hausarzt ebenso wie bei Eltern und Freunden, so der Oberarzt. Deshalb versucht die Ambulanz derzeit, sich mit Beratungs- und Hilfsangeboten des Landes Berlin weitgehend zu vernetzen. Die Erfahrungen der Ambulanzen in Nordrhein-Westfalen haben nach Evaluation gezeigt, dass eine solche Trauma-Ambulanz deutlich bessere medizinische Erfolge bringe, so Dr. Schulte-Herbrüggen.

Anmeldung Trauma-Ambulanz: Kinder und Jugendliche 450 56 62 29; Erw. 23 11 18 80

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