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Von Irina Wolkowa, Moskau 06.02.2012 / Ausland

Rentner-Band gegen »Bürger Putin«

Protestwochenende in Moskau hinterließ über beide Seiten zwiespältige Eindrücke

In Russland sind am Samstag zum dritten Mal seit der Parlamentswahl im Dezember Zehntausende Oppositionsanhänger gegen Regierungschef Putin auf die Straße gegangen.

»Bürger Putin! Gesetze gelten auch für Präsidenten. Acht Jahre, in denen du gelogen und betrogen hast, sind genug. Schau uns in die Augen und zieh deine Kandidatur zurück!« Den Song hatten Veteranen der elitären Luftlandetruppen komponiert und letzte Woche auf Youtube hochgeladen. Dort wurde er bereits mehrere hunderttausend Mal angeklickt. Mit dem Song reüssierte die Rentner-Band auch auf der neuen Anti-Putin-Kundgebung am Samstag in Moskau. Böse Zungen behaupten, viele Teilnehmer seien nur gekommen, um die vier leicht angegrauten Rapper mit deutlich sichtbarem Bauchansatz unter den blau weiß gestreiften Trikots live zu erleben. An dem Marsch beteiligten sich offiziellen Angaben zufolge jedoch nur höchstens 15 000 Personen.

Nach Meinung unabhängiger Beobachter haben die Sympathien für die außerparlamentarische Opposition inzwischen Skepsis und Zweifeln Platz gemacht. Hin und wieder fällt sogar das böse Wort »Stagnation«, das bisher vor allem als Zustandsbeschreibung für die Ära Wladimir Putin verwendet wurde. Die Kritik ist berechtigt. Wer langsam anspannt, fährt hernach umso schneller, weiß ein russisches Sprichwort. Putins Gegner indes spannten nach den aus ihrer Sicht gefälschten Parlamentswahlen im Dezember zwar rekordverdächtig schnell an. kommen jetzt aber nicht vom Fleck.

Interne Interessenkonflikte zwischen Liberalen, Linken und Nationalisten, die Strukturen wie Programm verhindern und schon die Vorbereitung der jüngsten Proteste belastet hatten, traten auch bei der Demonstration offen zutage. Die einzelnen Gruppen marschierten in getrennten Kolonnen, jede mit den eigenen Farben. Auf dem anschließenden Meeting herrschte ständiges Kommen und Gehen, Vuvuzelas, Tröten, die schon bei der Fußball-WM in Südafrika nervten - sorgten dafür, dass die Redner oft nicht einmal in allernächster Nähe zu verstehen waren.

Als Fortschritt kann nur ein per Akklamation angenommener »Gesellschaftsvertrag« gelten, der den kleinsten gemeinsamen Nenner erstmals schriftlich formuliert: Rücktritt Putins, Parlamentsneuwahlen und Freilassung politischer Gefangener. Auf einer am Vortag zusammengestellten Liste stehen insgesamt 40 Namen. Darunter auch die von Ex-Jukos-Chef Michail Chodorkowski und dessen Juniorpartner Platon Lebedew.

Multimilliardär Michail Prochorow marschierte mit. Einladungen waren auch an die anderen Herausforderer Putins ergangen: An KP-Chef Gennadi Sjuganow, die Vorsitzenden der ultranationalen Liberaldemokratischen Partei und der Mitte-Links-Partei »Gerechtes Russland«, Wladimir Shirinowski und Sergej Mironow. Keiner erschien. Sie schickten nicht mal Grußadressen.

Fast zeitgleich fand in Moskau auch ein Meeting der Putin-Anhänger statt, an dem sich offiziellen Angaben zufolge 138 000 Menschen beteiligten. Selbst kritische Beobachter sprachen von mindestens 60 000. Sie skandierten Losungen wie »Putin ja, Chaos nein«. Zuvor hatten sich Angestellte im öffentlichen Dienst allerdings über Zwang und Drohungen beklagt, Verweigerern würden die Prämien gestrichen, oder sie würden gar entlassen.

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4 Kommentare zu diesem Artikel

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  • Preussenrot, 06. Feb 2012 15:52

    Liebe Frau Wolkowa

    seit wann ist ein "deutlich sichtbarer Bauchansatz" ein offensichtlich wichtiges Merkmal eines politisch engagierten Bürges in Russland?
    Oder wollten Sie die Anti-Putin-Bewegung etwas lächerlich machen?Als ausgewiesener Fan Ihrer bisherigen Kommentare,besonders ihr subtiler Gebrauch der deutschen Sprache ist beeindruckend,bitte ich Sie, berichten Sie objektiv und unvoreingenommen über das Geschehen in Russland.
    Gruss PR

    • Permalink

  • robert63, 06. Feb 2012 17:42

    Gewichte

    Obwohl - suggeriert durch Medien - der Eindruck erzeugt werden soll, die Mehrheit der Russen ist in Opposition zu Putin, scheint mir das mitnichten so. Die Zahlen sprechen dagegen. Ist vielleicht so etwas wie eine westliche Wunschvorstellung an der die NGO's heftig arbeiten.
    Programme, Ziele vor allem wirtschaftliche (außer natürlich Meinungsfreiheit, Menschenrechte, Putin muss weg) eher dünn. Von Chodorkowski ist bekannt, dass er der amerikanischen Ölindustrie erweiteren Zugang zum russsichen Öl verschaffen wollte und die "Äpfelchen", na danke. Rußland hat die Finanzkrise besser bewältigt, als viele andere Länder. Da gibt es auch künftig einiges zu holen, aber Putin und andere stehen da im Weg. Deshalb ....

    • Permalink

  • guenter1952, 06. Feb 2012 20:23

    Re: Putin hat den Ausverkauf der Energie-Ressourcen

    an westliche Konzerne verhindert.
    Und sie hatten schon einen Fuss in der Tür....
    Sie hatten schon Büros in Moskau und anderswo...und in ihren Augen
    glitzerte es schon.
    Und dann kam der Nationalist Putin und verhinderte es!
    All die schönen Träume....
    Deshalb hassen sie ihn bis heute.

    • Permalink

  • Rotspoon, 06. Feb 2012 20:36

    Lieber Herr Preußenrot

    Ich denke mal, wie Sie so parlieren, sie haben auch einen Bauchansatz, stimmts?

    • Permalink

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