Lucien Favre kann auch anders. Der gewöhnlich sehr charmante und sympathische Schweizer mit dem schmeichelnden französischen Akzent war genervt. »Los geht’s«, rief der Mönchengladbacher Trainer entschlossen. Eine energische Handbewegung unterstrich seinen Willen, sich und die Seinen endlich ans Ziel zu führen. Der »Gegner«? Die eigenen Fans. Das Problem? Die konfuse Einsatzführung der Polizei. Nach dem 0:0 beim VfL Wolfsburg steckte der Gladbacher Tross minutenlang im kleinen und engen Bahnhof fest.
Führungspersönlichkeiten sind eben besonders in schwierigen Situationen gefragt. Auf das Kommando von Favre bahnten sich die Spieler und der Betreuerstab den Weg durch die Anhänger zum Gleis eins, eskortiert von den Beamten, die es zuvor nicht geschafft hatten, für den nötigen Freiraum zu sorgen. »Eine Schande«, wie Favre fand. Bei den eigenen Fans wollte er die Schuld nicht suchen. Sie nutzten nur die günstige Gelegenheit der ungewohnten Nähe zu ihren Idolen - die Stimmung war keineswegs aggressiv.
Wahrscheinlich hätte Favre etwas entspannter reagiert, wenn es Marco Reus gelungen wäre, die beste Chance des Spiels zu nutzen. In der 69. Minute lief der 22-Jährige ganz allein auf den Wolfsburger Torwart Diego Benaglio zu, der Ball aber landete »fast an der Eckfahne«, wie er später etwas übertrieben aber schmunzelnd zugab.
Da hatte er seinen Humor wiedergefunden. In den 90 Minuten auf dem Platz war davon nichts zu sehen. Gestenreich brachte Reus seine Unzufriedenheit immer wieder zum Ausdruck. Dabei haderte er meist mit sich selbst - es war nicht sein Tag. Fehlpässe und ungewohnt viele technische Mängel prägten sein Spiel und das seiner Borussia.
Doch es waren nicht nur eigene Unzulänglichkeiten, die den Gladbachern den dritten Sieg im dritten Rückrundenspiel verbauten. »Es war eines der schwersten Spiele, das wir hatten«, lobte Mike Hanke den Gegner. Zu recht! Die Wolfsburger, mit vier Winterneuzugängen in der Startelf, präsentierten sich als Einheit. Vor allem in der Defensive hatte sich der Gastgeber gut auf das Gladbacher Kombinationsspiel eingestellt.
Linksverteidiger Ricardo Rodriguez ließ Reus nicht zur Entfaltung kommen, Petr Jiracek, wie der 19-jährige Schweizer eine Neuverpflichtung, kämpfte um jeden Ball und gab dem Wolfsburger Spiel Struktur. Der Tscheche war es auch, der nach 28 Minuten Sebastian Polter bediente, doch der Stürmer ließ die beste Chance der ersten Halbzeit zehn Meter vor dem Tor ungenutzt.
Im zweiten Durchgang brachte VfL-Trainer Felix Magath mit Mario Mandzukic einen zweiten Angreifer - durch die Umstellung auf ein 4-4-2-System erlag das Gladbacher Aufbauspiel fast vollends und die Wolfsburger kamen immer öfter gefährlich in den gegnerischen Strafraum. So konstatierte Magath zufrieden: »Wir haben einen Schritt nach vorn gemacht.«
Die einzig hundertprozentige Chance hatten durch Reus jedoch die Gäste. Ob er daher enttäuscht und das Remis ein Rückschlag sei, wurde Favre gefragt. Er antwortete mit einer Gegenfrage: »Sind Sie verrückt?« Nur die Wortwahl passte zu seiner späteren Bahnhofsstimmung. Er könne mit dem Punkt gut leben, sagte er und lächelte gewohnt charmant.
Aktuelle Ausgabe: 26.05.2012
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