06.02.2012

Empört oder scheinheilig?

STANDPUNKT

Ihre Entrüstung scheint keine Grenze zu kennen. US-Außenministerin Clinton, ihr deutscher Kollege Westerwelle, der türkische Minister Davutoglu, - sie alle zeigen mit dem Finger auf China und Russland, weil die beiden Vetomächte eine scharfe Resolution des Sicherheitsrats der UNO zur Verurteilung Syriens abgelehnt und somit verhindert haben. Für Sorge über das, was derzeit in Syrien passiert, gibt es ja eigentlich Gründe genug.

Das ist das eine. Das andere ist, dass es Dinge gibt, die an der Aufrichtigkeit der Argumente jener empörten Minister erheblich zweifeln lassen. Wer soll Hillary Clinton glauben, dass sie angesichts der Opfer in Syrien in Trauer und Wut zerfließt, wo sie sich doch gerade dafür ausgesprochen hat, den Drohneneinsatz in Afghanistan auszuweiten, der dort schon Hunderte zivile Opfer gefordert hat? Und wie vertrauenswürdig ist Ankaras Empörung über »Assads Krieg gegen das eigene Volk«, wo doch alle türkischen Regierungen seit Jahrzehnten und gänzlich ohne deutschen oder US-Protest die »eigenen« Kurdengebiete beinahe nach Belieben bombardieren?

Mag sein, dass Russen wie Chinesen für ihre Motive auch nicht der Friedensnobelpreis gebührt. Aber warum sträubt sich der Westen eigentlich so gegen den russischen Vorschlag, beide Konfliktparteien zu Verhandlungen aufzufordern? Muss man nicht sogar misstrauisch sein, dass die Initiatoren der Resolution planen, diese, wie im Falle Libyens, zu einem Angriffskrieg zu missbrauchen?

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