Sprungmarken: Inhalt, Navigation.
Suchen auf neues-deutschland.de:

Erweiterte Suche

Von Hagen Jung 07.02.2012 / Inland

Steuergelder für revanchistische Tiraden

Niedersachsens LINKE will Zahlungen stoppen

Revanchistische Parolen gehören seit eh und je zum Repertoire der »Landsmannschaft Schlesien«. Dennoch unterstützt das Land Niedersachsen diese Gemeinschaft mit Steuergeldern. Damit soll Schluss sein, fordert die Linksfraktion im Landtag.

Bei der in Niedersachsen regierenden CDU/FDP-Koalition ist die »Landsmannschaft Schlesien« offensichtlich wohl gelitten: Von 2008, dem Jahr des Wahlerfolges von CDU und FDP, bis 2011 flossen fast 200 000 Euro aus dem Landesetat für Aktivitäten der Landsmannschaft. Zu den geförderten Veranstaltungen, so erfuhr die LINKE auf Anfrage von der Landesregierung, zählte auch das Landestreffen der Schlesier 2011 in Hannover.

McAllister: »Wirre Rede«

Bei jenem Treffen haute der Bundesvorsitzende der Landsmannschaft, Rudi Pawelka, derart heftig auf die revanchistische Pauke, dass Ministerpräsident David McAllister (CDU) die Versammlung während der Ansprache des Ober-Landsmannes verließ. Von sich gegeben hatte Pawelka unter anderem den Vorwurf, Polen sei am Holocaust beteiligt gewesen, da Überlebende der Nazi-Konzentrationslager auch Opfer der Vertreibung gewesen seien. McAllister kommentierte Pawelkas Ergüsse später gegenüber der Presse als »wirre Rede«.

»Eiszeit« habe während der grün-roten Landesregierung zwischen Land und Landsmannschaft geherrscht, bemerkte Pawelka seinerzeit und rühmte den ehemaligen CDU-Ministerpräsidenten Christian Wulff und dessen Innenminister Uwe Schünemann für die Wiederbelebung des guten Verhältnisses. Schünemann bekam zugleich ein Lob des Vorsitzenden für »klare Worte über das Unrecht, das an den Vertriebenen begangen« worden sei. Der Minister zählt zu den Empfängern der höchsten Auszeichnung, welche die Landsmannschaft vergibt: den Schlesierschild. Mit demselben geehrt wurden unter anderem der umstrittene erste Ministerpräsident Niedersachsens, Hinrich Wilhelm Kopf (SPD), der wegen seiner Tätigkeit zur NS-Zeit vorübergehend auf der Kriegsverbrecherliste stand und im Jahr 1950 die Patenschaft zwischen Niedersachsen und der Landsmannschaft begründete. Ausgezeichnet mit ihrem Schild haben die Landsleute auch die Fliegerin Hanna Reitsch. Sie testete für die Nazis Kriegsflugzeuge, plädierte für Kamikaze-, also Selbstmord-Flüge gegen den »Feind« und galt als leidenschaftliche Verehrerin Adolf Hitlers.

Wes Geistes Kind die Landsmannschaft ist, zeigt auch deren Internetpräsenz, in der es keine »Homepage« gibt, sondern - konsequent treudeutsch - eine »Hauptseite«. Gefordert werden auf den folgenden Webseiten das »Recht auf die Heimat einschließlich des Rechts auf Eigentum« sowie die »Wiederfindung der gewaltsam unterdrückten schlesischen Identität«. Selbstverständlich heißt das polnische Zabrze in weiteren Texten »Hindenburg« und Opole, wie bis 1945, »Oppeln«. Liedtexte für heimattreue Leser fehlen nicht. Die Rede ist da zum Beispiel von einem Land, »wo im Volke stets aufs neue deutscher Freiheit Odem weht«, und die Sänger dürfen träumen: »Wir sehn uns wieder, mein Schlesierland - wir sehn uns wieder am Oderstrand«.

Das Verhältnis zu Polen

Die innenpolitische Sprecherin der Linksfraktion, Pia Zimmermann, konstatiert: »Der Verein und dessen Vorsitzender Rudi Pawelka machen regelmäßig durch revanchistische Tiraden auf sich aufmerksam und vergiften das Verhältnis zu Polen. Ein solches Verhalten ist doch nicht fördernswert!« Zimmermann forderte die Landesregierung auf, die finanzielle Unterstützung der Landsmannschaft zu beenden.

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

1 Kommentar zu diesem Artikel

Kommentar schreiben (Login erforderlich)
  • Till, 11. Feb 2012 00:28

    Übers Ziel hinaus geschossen

    In der Kritik an der Landsmannschaft haben sich zwei Dinge eingeschlichen, deren Negierung auch groteske Züge hat. Sie schreiben, dass die Landsmannschaft wie selbstverständlich von Hindenburg statt Zabrze oder Oppeln statt Opole schreibe und fügen an, das diese Orte bis 1945 so hießen.
    In der deutschen Sprache hat man die nie umbenannt - wir sprechen hier von einer völlig simplen Übersetzung, so wie selbstverständlicherweise in Polen Züge nach Leipzig am Bahnhof auch als nach Lipsk fahrend angeschlagen sind. Kein Pole würde sich darüber das Maul zerreißen oder einen Zusammenhang mit irgendeiner Grenzfrage damit verbinden. Auch bin ich irritiert, dass Sie bemängeln, wenn Schlesier singen: »Wir sehn uns wieder, mein Schlesierland - wir sehn uns wieder am Oderstrand«. Dürfen sich Schlesier nicht am Oderstrand wiedersehen? Oder sollen schon Heimatreisen anrüchig sein? Vielleicht liegt es am "mein"? Aber das steht für eine persönliche Beziehung und keine staatsrechtliche. Urteil: Auch im Verständnis für andere Haltungen ist der Text also weit übers Ziel hinausgeschossen und ein Indiz für eine anhaltende Verkrampfung im Umgang mit diesem Thema.
    Till Scholtz-Knobloch (Chefredakteur Wochenblatt - Zeitung der deutschen Minderheit in Polen; www.wochenblatt.pl)

    • Permalink

Sprungmarken: Seitenanfang, Navigation.

Ihre Meinung zu diesem Artikel

Frisch gebloggt
26.05.2012 | Marcus Meier

Sind Frauen die besseren Politiker?

Alle Blogs

Facebook
Twitter
Vernetzung

»nd in der Schule«

Medienkompetenz und politische Bildung
nd-Probeabo

Jetzt »nd« testen

Hier Ihre kostenlose Leseprobe bestellen.
Sprungmarken: Seitenanfang, Navigation.
Sprungmarken: Seitenanfang, Navigation.

Werbung:

Werbung:

Sprungmarken: Seitenanfang.