|
Szene aus dem Film »Oliver Twist«
Foto: Cinetext
|
Wenn Sie der Öffentlichkeit begreiflich machen könnten, dass mein Vater kein fröhlicher, komischer Gentleman war, der mit einem Plumpudding und einer Schale Punsch durch die Welt zog«, schrieb Charles Dickens' Tochter Kate an ihren engen Freund George Bernhard Shaw, »dann würden Sie mir einen großen Gefallen erweisen.«
Kates Herzenswunsch sollte nicht in Erfüllung gehen. Auch zweihundert Jahre nach Dickens' Geburt überstrahlt das Idealbild des gutmütigen Familienvaters und humoristischen Volksschriftstellers komplexere Facetten seines Lebens und Werks. Die Idealisierung setzte früh ein und basierte auf einer engen Beziehung des Autors zu seinem Publikum, das in seinen liebevoll gezeichneten und skurril überzeichneten Romanfiguren die eigene Lebenswirklichkeit gespiegelt sah.
Die Mühelosigkeit, mit der Dickens sich in die Freuden und Nöte aller Gesellschaftsschichten hineinversetzte, entsprang den Erfahrungen einer schwierigen Kindheit. Sein Vater kam immer wieder in finanzielle Schwierigkeiten und wurde schließlich ins Schuldgefängnis überführt. Der zwölfjährige Charles musste die Schule verlassen und zum Unterhalt der Familie beitragen, indem er in einer Schuhwichsefabrik Tiegel reinigte.
Nach der Entlassung des Vaters durfte Charles den Schulbesuch fortsetzen, obwohl sich seine Mutter zu seinem Entsetzen dafür aussprach, ihn weiterhin zur Arbeit zu schicken. Der Junge protestierte erfolgreich, doch als die Eltern nur drei Jahre später wieder in Zahlungsschwierigkeiten gerieten, musste Charles den Unterricht erneut aufgeben. Nun fand er eine weniger demütigende Anstellung in einer Londoner Kanzlei. Während er als Büroschreiber und Laufbursche für verschiedene Anwälte arbeitete, lernte er zielstrebig Stenografie und schuf so die Grundlage seiner Karriere als Gerichts- und Parlamentsreporter, die ihm manchen Einblick in soziale und menschliche Abgründe gewährte und Stoff für seine Romane lieferte.
Die Liebe des jungen Dickens zur Bankierstochter Maria Beadnell, diente ihm als Vorlage für die Liebesgeschichte im Roman »David Copperfield«. Doch während David zumindest kurze Zeit glücklich mit seiner Dora sein darf, musste Dickens sich damit abfinden, dass Marias Eltern strikt gegen die Verbindung waren.
Das Gefühl, für gewisse Gesellschaftskreise nicht »gut genug« zu sein, spornte den jungen Mann an, noch härter zu arbeiten und nach noch höheren Zielen zu streben. Neben seinen Parlamentsreportagen begann er, realistische Skizzen aus dem Londoner Alltag zu schreiben, die sein Pseudonym »Boz« bald weithin bekannt machten.
Im Haus eines seiner Herausgeber lernte Dickens Catherine Hogarth kennen. Die beiden heirateten kurz nach der Veröffentlichung der ersten Folge seines ersten Fortsetzungsromans »Die Pickwicker«, der bereits viele Merkmale der späteren Werke aufwies: ein lebhafter Humor, satirische Seitenhiebe auf soziale Missstände und unmenschlich agierende Institutionen sowie ein packender, oft pathetischer Erzählstil, der bei allen Altersstufen und Gesellschaftsschichten großen Anklang fand. Seine späteren Romane, von »Oliver Twist« und »Bleak House« bis »Große Erwartungen« (die fabelhafte Neuübersetzung von Melanie Walz erschien 2011 bei Hanser), stehen jedoch weit über der Unterhaltungsliteratur seiner Zeit. Sie weisen in die Moderne, indem sie die vielfältigen Beziehungen zwischen dem Individuum und der Gesellschaft skizzieren und immer wieder die Frage aufwerfen, ob der jeweilige Protagonist sich als »Held des eigenen Lebens« erweist oder zum Opfer eines labyrinthischen Systems wird, das dem Schicksal des Einzelnen meist gleichgültig gegenübersteht.
Fast scheint es, als ob der Rang Dickens' als literarische Institution und soziales Gewissen seiner Nation mit jedem neuen Roman gefestigt wurde. Doch der anhaltende Erfolg als Schriftsteller wurde durch das Scheitern der Ehe überschattet. Dickens trennte sich von der Frau, die ihm zehn Kinder geschenkt hatte, und begann eine diskrete Beziehung zu der Schauspielerin Ellen Ternan, die ungefähr im gleichen Alter war wie seine Töchter Kate und Mary.
Dickens' familiäre Probleme wirkten sich auf Stil und Inhalt seiner Romane aus, die zunehmend pessimistischer ausfielen. An seiner gesellschaftlichen Position und Popularität änderte dies freilich nichts. Wie sehr er die Herzen seiner Leser erobert hatte und wie weit sein Einfluss als Chronist und Kritiker seiner Epoche reichte, wurde allerdings erst deutlich, als sich die Nachricht seines Todes verbreitete: »Ein sehr lieber Bekannter erzählte, er sei an jenem Tag in einen Tabakwarenladen gegangen«, berichtet Dickens' Sohn Henry in seinen Memoiren. »Während er dort war, kam zufällig ein Arbeiter herein, um einen Beutel Tabak zu kaufen, und als er seine zwei Pennys auf die Theke warf, sagte er: ›Charles Dickens ist tot. Wir haben unseren besten Freund verloren.‹«
Zum Weiterlesen:
Mary und Charlie Dickens: »Unser Vater Charles Dickens.« Übersetzt und hrsg. von A. Pechmann. Aufbau. 208 S., Leinen, 14,99 €.
Ch. Dickens: Große Erwartungen. Übersetzt und herausgegeben von Melanie Walz. C. Hanser Verlag. 832 S., Leinen, 34,90 €.
Ch. Dickens: Reisender ohne Gewerbe. Nachtstücke. Übersetzt und hrsg. von Melanie Walz. C. H. Beck. 128 S., brosch., 14,95 €.
Aktuelle Ausgabe: 26.05.2012
Preis: 60,00 €
Preis: 7,95 €
Werbung:
Werbung: