Gottschalk ist zu gut. Gottschalk wäre eigentlich gar nicht der abschätzigen Rede wert. Seine Qualität besteht just darin, von allen TV-Gesichtern am vielfältigsten gedankenlos zu sein. Das ist Intelligenz. Dies unterscheidet ihn zum Beispiel von Dobrindt, Pofalla, Hintze, die von allen Politikmasken rechts, mittig, links am einfältigsten geistlos sind. Das ist Dummheit. Aber diese politisch konfirmierte Tumbheit gehört nun mal zur Grundausstattung eines TV-Parteienbetriebes, der seine Wähler ständig anbrüllt: »Verstehen Sie Spaß?« - und sich dann wundert, wenn die zurückrufen »Nein!« und sofort wegschalten. Etwa zu Gottschalk.
Dem laufen nun, in seiner neuen Talkshow, auch die Zuschauer weg. Genau genommen, können sie gar nicht weglaufen. Denn das einzige, was in der Moderne läuft, ist der Fernseher. Er läuft und läuft. Die Zeit läuft gegen uns, der Fernseher aber läuft in uns. Immer Programm. Immer Sendung. Die meisten Menschen sind beruhigt: Was da rauscht, ist wirklich nur der Blutdruck, zum Glück nicht irgend ein Sendeschluss. Immer irgendwo ein Mario Barth, mal heißt er Marietta Slomka, mal Gunther Emmerlich, mal Florian Silberblech, mal Werner Sonne und sieht doch nie so aus.
An Gottschalk kommen die eigentlich alle nicht ran, die wollen alle zu klug erscheinen, obwohl sie beim Fernsehen arbeiten. Sie sind aber nicht klug, sie sind nur schlau, sie wissen, dass nicht der Intelligenzquotient zählt, sondern die Quote. Dem Gottschalk glaubt man, dass er nicht mal das Wort schreiben kann, na und? Können wir denn das Wort »Demokratie« schreiben? Klar! Aber Gottschalk ist einer der Wenigen, dem man das Eingeständnis glaubt, dass Millionen, die »Demokratie« schreiben können, noch lange keine Demokratie bilden.
Gottschalk ist perfektes Fernsehen, und Fernsehen ist Leitkultur, also: Dreigroschenroman, Lagerfeuer, Bierbüchse, ist Erschöpfung, die sich zu sich selbst bekennt, ist »Bild« ohne Springer-Abo, ist Flucht vor Mutti, die mal wieder ein ernstes Abendgespräch will, ist die wachhaltende Schlaftablette, ist quasi der warme Wodka, wenn's schnell greifen soll. Fernsehen ist wie »Presse und Buch« am Hauptbahnhof, es ist nicht Kunstbuchhandlung. Staatsvertrag? Bildungsauftrag? Mein Gott, nicht so ungeduldig! Man weiß doch vom Grundgesetz, dass Aushöhlung ein langsamer Vorgang ist. Aber er siegt. Barde Bernhard Brink hilft.
Fernsehen ist Schlagerparade, ausgedehnt auf »Tagesschau«, »heute« und »Brennpunkt«. Der ist besonders perfide! Das ist, als wenn 20.15 Uhr einer in die Stammkneipe gestürmt kommt, alle Zapfhähne zudrücken und zur Solidarität mit indonesischen Gummibaumpflanzern auffordern will - nein, man darf die Menschen nicht zu falscher Zeit und an falschem Ort an Moral und Ethik erinnern. Jedenfalls nicht zur Hauptsendezeit.
Zurück zu Gottschalk. Nun hat er sich leider aufgrund seiner sinkenden Quoten nervös machen lassen. Er bittet - taktisch völlig falsch - die Zuschauer um Geduld, er wiegelt ab: »Ich komme zurück in den Erfolg«, das klingt wie die Linkspartei beim sich etwas hinziehenden »Zurück in die Erfolgsspur« (»zurück« ins Vorwärts - überhaupt eine rhetorische Großleistung, die von den Wirbellosen erfunden sein könnte). Gottschalk bittet um Geduld? Dürfen wir denn das auch, etwa beim Bezahlen unserer Gebühren: um Geduld bitten? Er bezeichnet sich boulevardesk als einen »potenziellen Arbeitslosen« und deckelt so mit fadem Humor das Zwergenniveau seiner Redakteure und Programmgestalter. Denn seine neue Show beweist einmal mehr: Redakteure beim Fernsehen sind höchstbezahlte Leerköpfe der verarmenden Republik. Sie berufen sich auf die Zuschauer und meinen nur jene eigene Macht, die ihnen gestattet, Dummheit in Maßstab umzudefinieren. Sie müssen, bevor was ins Laufen kommen darf, gefragt werden - und leiten davon den Irrtum ab, sie wüssten genau, was gut läuft. Nun läuft sogar Gottschalk ins Leere.
Das war programmiert! Man kann dem Publikum ruhigen Gewissens Dummes verkaufen, deshalb exisitiert Fernsehen, aber man möge es bitte nicht für blöd verkaufen. Warum soll ich mir bei Gottschalk zum 6574. Mal Atze Schröder oder Anke Engelke anschauen, wo ich mich in gleicher Zeit mit einer Flasche »Goldkrone« in eine glückliche Blindheit saufen kann, die mir alle diese TV-Lemuren blitzschnell wegknipst? Gottschalk hat sein Publikum gereizt, klüger zu sein, als es sein möchte. Das ist schwere Arbeit, die hat niemand verdient, wenn der Feierabend anbricht.
Alle wissen zum Beispiel: Talks sind ein Brechmittel - sie werden aber weiter produziert. Alle wissen auch: Dokusoaps sind ein Schmarrn. Das wird aber ebenfalls stupide uneinsichtig ausgereizt, bis dann bei nur noch 7,5 Zuschauern verkündet wird: Schluss mit Dokusoaps, Schluss mit dilettantischen Spielszenen und der dramaturgiezerstörenden Zeitzeugeninflation.
Alle wissen: Literatursendungen im Fernsehen sind grundsätzlich blöd. Das wird aber ausgereizt, bis bei nur noch 6,5 Zuschauern verkündet wird: Schluss mit Heidenreich, dann Schluss mit Mangold und Freud - jetzt sitzt Herles auf dem »Blauen Sofa«, und alles ist öde wie eh und je.
Alle wissen auch: TV-Dramatik ist nur noch kitschig oder stasidumpfig oder lau in den Südseetraum geschifft. Das wird aber ausgereizt, bis bei nur noch 5,5 Zuschauern alle ausrufen: Wir haben's schon immer gewusst!
Alle wissen: »Wetten, dass ...?« ist nicht wirklich reparierbar, aber natürlich wird man an der Leiche wiederbelebend basteln, und späte, wenn der Misserfolg nicht länger zu leugnen sein wird, wird der Redaktionsklüngel ebenfalls schon immer alles geahnt haben. Das ist er, der Fernseh-Apparat: Geschmacksdarwinismus, mit dem jeder Unkünstler seinen Posten schützt. Von einem Beamtentum, das ohne Könnerschaft auskommen darf, geht die größte Gefährlichkeit aus. Die nennt sich Programm: Man hat keinerlei Ausstrahlung, aber genau das strahlt man fortwährend aus.
Soeben schrieb die FAZ vom »Grundparadox aller modernen Kultur, nämlich deren Abhängigkeit von Reproduktionsverfahren, die zugleich als Innovationsverfahren wirken«. Für »Erneuerung, Expansion und Überbietung«. In Deutschland führte dies dazu, dass es außer dem Fernsehen keinen Kreislaufkollaps gibt, der ständig ein neues Leben gebiert, das doch nur totgeboren ist. Alle wissen es, alle leugnen es, alle bezahlen es. Einige, nur einige verdienen dabei. Sehr viel. Gottschalk auch, und das sogar, wenn keiner hinschaut. Außer Atze Schröder. Der guckt, ob er schon wieder dran ist.
lieber Gottschalk, dann geht alles wie von selbst oder wo du willst mehr gelten, lass dich selten sehen.
sind Brüder im Geiste: Getrieben und unfähig, aufzuhören.
hat sich dieses Problem auch erledigt. Das bedeutet: Goldkrone bevorraten.
Aktuelle Ausgabe: 26.05.2012
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