Noch bis Mitte des 19. Jahrhunderts war jede Operation für den Patienten mit höchster Lebensgefahr verbunden. Denn die Chirurgen arbeiteten häufig in Straßenkleidung und wuschen sich die Hände eher nachlässig. Die Folge: Viele Operierte starben an einer allgemeinen Sepsis, auch Blutvergiftung genannt. Weil man dafür gewöhnlich ein »atmosphärisches Miasma« verantwortlich machte, eine Art verpestete Luft, sahen die meisten Ärzte keine Veranlassung, für mehr eigene Sauberkeit bei Operationen zu sorgen.
Einer der Ersten, der gegen diesen Missstand ankämpfte, war der britische Arzt Joseph Lister. Angeregt durch Louis Pasteurs Arbeiten über Fäulniskeime experimentierte er ab 1865 mit Verbandsmaterialien, die er in Phenol (Karbolsäure) getränkt hatte. Weil sich auf diese Weise die Zahl der Wundinfektionen verringern ließ, ging Lister dazu über, die Phenollösung über dem Operationsfeld zu vernebeln, so dass die Hände der Ärzte, die Instrumente und die OP-Wunde mit einem bakteriziden Film benetzt wurden. Anfangs erschwerte das »Listern« mit Phenol, wie es bald hieß, die Arbeit der Chirurgen und führte zu Hautreizungen. Doch die Operationshygiene, zu der auch intensives Händewaschen und die Benutzung von Gummihandschuhen gehörte, zeigte Wirkung. Die Patientensterblichkeit in den Kliniken ging deutlich zurück. Zwar hatte der ungarische Arzt Ignaz Semmelweis einige Jahre zuvor ebenfalls auf die Wichtigkeit aseptischer Maßnahmen hingewiesen. Doch dessen Erkenntnisse wurden belächelt und er selbst förmlich in den Wahnsinn getrieben.
1884 behandelte Lister den Abszess einer Krankenschwester mit Tüchern, auf die er zuvor den Extrakt eines Penicillium-Schimmelpilzes geträufelt hatte. Obwohl die Frau genas, verzichtete Lister darauf, seine Ergebnisse zu publizieren. Denn es war ihm nicht gelungen, die wirksame Substanz chemisch zu isolieren. Das gelang erst nach 1928 dem schottischen Bakteriologen Alexander Fleming und seinen Mitarbeitern. Zu fragen, ob Lister mit etwas Glück schon 40 Jahre früher zum Penicillin-Entdecker hätte werden können, ist reizvoll, aber müßig. Denn auch so darf das Werk des britischen Arztes, dessen Todestag sich am 10. Februar zum hundertsten Mal jährt, als Meilenstein in der Medizingeschichte angesehen werden.
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