Der Augenarzt und Philosoph Dr. Nadim Sradj legte seine Auffassungen zum möglichen Beitrag der Wissenschaft zur Lösung der komplexen Probleme dar, mit denen die Menschheit auf allen Gebieten ihres Lebens konfrontiert ist. Zugleich warnte der Autor des Manifests »10 Thesen zur Weltauffassung im 21. Jahrhundert« vor einem übertriebenen Wissenschaftsoptimismus und hob die Gefahren hervor, die aus einer einseitigen, undialektischen Auffassung der Möglichkeiten der Wissenschaft und einer gesellschaftlich unkontrollierten Nutzung ihrer Ergebnisse erwachsen. Sradj wandte sich gegen Tendenzen des Eurozentrismus und einer Unterschätzung der spezifischen Beiträge der verschiedenen Nationen und Weltregionen, die aus ihrer historischen Entwicklung und ihren kulturellen Traditionen beruhen. Er setzte sich u.a. mit den negativen Erscheinungen einer »Expertokratie«, eines übermäßigen Einflusses von »Experten« auf politische Entscheidungen, z.B. zur Deregulierung der Finanzmärkte, auseinander. In seinen Darlegungen hob er die Notwendigkeit hervor, die Idee der Naturbeherrschung durch den Menschen zu überwinden und durch eine Versöhnung, einen »Dialog« des Menschen mit der Natur zu ersetzen.
In der lebhaften Diskussion wurden die aufgeworfenen Probleme hinterfragt und in wichtigen Aspekten erweitert. Für die Nutzung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse im Interesse der Menschen gelte es, sowohl die Spielräume zu erweitern, als auch gesellschaftliche Normen für die Art und Weise ihrer Anwendung zu erarbeiten und auch durchzusetzen. Dies betreffe besonders Gebiete, in denen wie in den Beziehungen zwischen Medizin und Pharmaindustrie starke ökonomische Interessen im Spiel sind.
Der zunehmende Einfluss von Experten sollte nicht nur negativ beurteilt werden, hieß es weiter. Es sei vor allem wichtig, dass in Expertengremien Menschen unterschiedlicher Auffassung und Erfahrung sowie auch mit einem breiten gesellschaftlichen Hintergrund mitwirken und dass die Zivilgesellschaft in den Diskussionsprozess einbezogen wird.
Ein bisher ungelöstes Grundproblem ergibt sich aus der Abhängigkeit ernsthafter Forschung von der Bereitstellung finanzieller Mittel, über die Einfluss auf die Ziele und damit auch die Ergebnisse der Forschungsarbeiten genommen wird. Dies wirkt sich vor allem auf Wissenschaftsbereiche wie die Wirtschaftswissenschaft und die Soziologie aus, deren Resultate eng mit politischen und ökonomischen Interessen verflochten sind. Daraus ergibt sich eine Benachteiligung von Forschungen, die auf Alternativen zur vorherrschenden neoliberalen Politik gerichtet sind. Es bleibt eine ständige Herausforderung zu verhindern, dass Grenzen in der wissenschaftlichen Forschung ebenso wie im Denken dem menschlichen Fortschritt im Wege stehen.
Unter den Teilnehmern gab es Übereinstimmung darin, dass der Fortschrittsbegriff präzisiert werden muss, dass er aber nach wie vor relevant ist. Und dass es eine Lösung der offenen Fragen nicht ohne, sondern nur mit der Wissenschaft geben kann.
Aktuelle Ausgabe: 26.05.2012
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