Wie hat man sich einen wie Rudi Assauer vorzustellen? Doofe Frage. Man kennt den Mann ja aus dem Fernsehen. Etwa aus der Bier-Werbung. Da sitzt Assauer, der coole Macho, auf der Couch vorm Fernseher, guckt Fußball und weist seine Holde an: »Hol mal Bier«. Aussauer ist ein öffentliches Gesicht, mit einem Leben wie geschaffen für den Boulevard: Fußball-Manager, Ex-Gefährte einer Schauspielerin; ein aus der Zeit gefallener Chauvi, im Zigarrenrauch konserviert.
Wie aber hat man sich, bitteschön, jemanden wie Rudi Aussauer mit Alzheimer vorzustellen? Seit gut einem Jahr fällt der frühere Manager von Schalke 04 dem Vergessen anheim. Die Krankheit ist tückisch. Stück für Stück raubt sie den Betroffenen das Wertvollste - die Erinnerung. Welcher Wochentag ist heute? Vielleicht Montag? Wo wohne ich, wie hießen meine Eltern, Kinder, Liebsten, wie heiße ich? Die herkömmliche Altersdemenz lässt noch einen Rest an Persönlichkeit - und sei es eine aufs Kindhafte, Pränatale reduzierte Geistessubstanz.
Bildhaft gesprochen ist Demenz ein teilweiser Datenverlust im Rechenzentrum, verbunden mit zeitweiligen Aussetzern im Betriebssystem. Alzheimer aber ist der erst allmähliche, dann rasant fortschreitende Festplattencrash - Black screen. Wie in Michael Endes »Unendlicher Geschichte« zermürbt die Angst vor dem Nichts das Denken. Wo aber bei Ende Fantasie durch die menschliche Erinnerung gerettet werden kann, bleibt hier nur die Angst übrig.
Das Schlimmste an der Krankheit ist das Anfangsstadium. Dann, wenn man sich noch an das meiste erinnern kann, wenn die Gedächtnislücken einem selbst auffallen, wenn es peinlich ist, mitten auf der Straße vor dem eigenen Haus zu stehen und nicht zu wissen, wo man gerade ist; wenn man sich schämt, weil man in Pantoffeln an der Bushaltestelle steht. Es ist die Phase, in der man noch Witze macht: »Das Schöne an Alzheimer ist, dass man jeden Tag neue Leute kennenlernt.«
In dieser Phase ist man noch Herr über sich selbst. In dieser Phase befindet sich Rudi Assauer gerade. Als öffentlicher Mensch, dessen Liebesgeschichten, Streitereien, Eitelkeiten stets öffentlich präsentiert wurden, hat er den wohl einzigen für sich gangbaren Weg gewählt: Er breitet seine Krankheitsgeschichte öffentlich aus. Via »Bild«-Zeitung lässt er das Publikum teilhaben am langsamen Entschwinden des Geistes. Man sieht es Assauer schon am Gesicht an: Das Schroffe, Kantige ist bereits einer glattgespannten Erstarrung gewichen. Mit jedem verlorenen Gedanken verschwindet auch eine Falte aus dem Gesicht.
Assauers Gang an die Öffentlichkeit ist ein probater Schutz vor der Furie Boulevard - gestern Abend im ZDF noch einmal fürs allerbreiteste Publikum aufbereitet. Es wird der letzte Auftritt sein vor dem Rückzug. Mit einer klaren Botschaft: Ich will die Kontrolle behalten über das, was über mich berichtet wird! Selbst »Bild« wird sich daran halten. Assauer lässt »Bild« Auszüge aus seinem Buch über seine Alzheimer-Erkrankung drucken. Es ist ein ehernes Gesetz in der mafiösen Familie der Boulevard-Medien: Man wird bei Springer schon zu honorieren wissen, dass Assauer beim Rückzug aus der Boulevard-Familie diese nicht vergessen hat.
Aktuelle Ausgabe: 26.05.2012
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