Am Rande der Essener Messe »E-world energy & water 2012« formulierte EU-Energiekommissar Günther Oettinger seine Vision vom »Energieeuropa«. Dieses ist markt- und konzerngeprägt, setzt auf Kohle und Atom.
»Das Entscheidende ist der Preis«, stellte Oettinger seine Position klar. Man könne Elektrizität schließlich nicht ansehen, ob sie aus einem Atom- oder Solarkraftwerk komme. Und bei Textilien werde »auch nach Preis gekauft«, trotz Kinderarbeit. Längst seien die Stromkosten in Deutschland zu hoch - was zur Abwanderung von Unternehmen führe. »Wir sind mitten in einem Prozess der Deindustrialisierung«, warnte der Christdemokrat ganz im Stile des Bundesverbandes der Deutschen Industrie. Oettinger durfte sich des Applauses sicher sein - schließlich redete er vor Managern von Energieversorgern. Man ist unter sich, hier auf dem »Führungstreffen Energie«, dem Präludium zur wichtigen Branchenmesse.
Im Gegensatz zu vielen Experten sieht Oettinger eine Jahrzehnte währende Zukunft für Strom aus Kohle und Atomkraft. Und plädiert für einen Binnenmarkt, der neben der EU auch Russland, Norwegen, die Türkei und den Norden Afrikas umfasst. Oettinger will ein zentrales »paneuropäisches Energienetz« aufbauen.
Erneut plädiert der frühere baden-württembergische Ministerpräsident für eine Fusion der Energiekonzerne E.on und RWE, da Deutschland energiewirtschaftlich sonst »nur dritte Liga« sei. Statt weiter Photovoltaikanlagen auf »schwäbischen Scheunen, in denen nie ein Traktor stand«, zu fördern, solle Deutschland lieber in den Ausbau der Transportnetze investieren.
Gleich in mehrfacher Hinsicht widersprach ihm einer seiner wichtigsten Berater: Felix Matthes, Experte des Öko-Instituts, hat für die EU-Kommission eine bis zum Jahr 2050 reichende Energie-Strategie verfasst, die mehrere Alternativ-Szenarien umfasst. In allen ginge die Nutzung von Kohle und Öl massiv zurück, betont der Ingenieur. Atomstrom spiele selten eine Rolle, am wichtigsten seien stets die Erneuerbaren, die je nach Szenario einen Anteil von 60 bis 90 Prozent am Energiemix im Jahr 2050 haben sollen. Die Märkte müssten neu reguliert werden, um die Erneuerbaren zu integrieren, fordert Matthes. Dabei sei die Frage, ob die Preise tatsächlich auf dem Markt gebildet werden sollten oder ob langfristige Verträge nicht die bessere Option seien.
Matthes teilt auch nicht Oettingers Traum von billiger Energie: »Das Zeitalter stabiler, niedriger Energiepreise ist vorbei.« Investitionen würden künftig stets zu höheren Stromkosten führen - unabhängig vom Energieträger. Eine drohende »Deindustrialisierung« Deutschlands vermag Matthes nicht zu erkennen: Mittelfristig werde es zu einer europaweiten Angleichung der Strompreise kommen. Schließlich seien die Märkte gekoppelt.
Mögen Experten wie Matthes auch die wohlklingenden Zukunftsvisionen gestalten - für die realen Strategien ist die Wirtschaft zuständig. Im Auftrag der EU formuliert ENTSO-E, der Verband der Europäischen Netzbetreiber, zentrale Papiere, die dann zu verbindlichen Verordnungen mutieren. Darunter sogenannte Netzcodes und Netzwerkpläne. Der Generalsekretär des Verbands, Konstantin Staschus, spottete in Essen allen Ernstes darüber, dass die EU-Verwaltung die formale Kompatibilität der Codes und Pläne mit den politischen Vorgaben überprüfe.
Die bereits zum zwölften Mal stattfindende Messe E-world energy & water gilt als »Kommunikationstreffpunkt« der europäischen Energiewirtschaft. Die dreitägige Veranstaltung in der Essener Grugahalle, die am Donnerstag zu Ende geht, steht in diesem Jahr ganz im Zeichen des nach Fukushima dezent forcierten Atomausstiegs und der Energiewende. Hauptthemen sind Netz- und Energiemanagement, Elektromobilität und Energieeffizienz. Mit 580 Ausstellern aus 20 Ländern wird ein Rekord vermeldet. nd
Aktuelle Ausgabe: 26.05.2012
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