Von Stefan Amzoll
08.02.2012

Jetzt - kommt - die Hinrichtung

Stefan Herheim inszenierte Alban Bergs »Lulu« in der Semperoper Dresden

»Lass mich nicht der Gerechtigkeit in die Hände fallen!«

Das spricht Lulu, Frau, die man wie Nutten oder niedere Mädchen vom Gesindetisch nur mit Vornamen anspricht, die aber völlig anders ist: ein Naturkind, magnetisch schön, verkörpernd die Liebe schlechthin, so intelligent wie intrigant in allen Liebeslagen, ein Wesen, berechnend und darum schwer zu berechnen.

Das spricht Lulu, nachdem sie ihren Gatten niedergestreckt hat, mit fünf Schüssen, voller Wut, Dr. Schön mit Namen. Lüsterner, zu allem fähiger und unfähiger Bock, einflussreicher Zeitungsverleger, windige kraftmeierische Edellusche in Smoking und Lackschuhen. Ein Typus, der heute zu Tausenden herumläuft und die Welt in Schieflage hält.

Dr. Schön - Lulus Intrigen verführten ihn, sie zu heiraten - will ihren Niedergang, fürchtend, kraft der hypnotischen, giftigen Künste der Lulu selber niederzugehen, ihr restlos zu verfallen und selbst fürchterlich zu fallen: »Jetzt - kommt - die Hinrichtung.« Aber sie sperrt sich mit Zehen und Klauen. Die Fakturen preschen in heftigen Pulsen. Singen in Extremlagen. Lulu soll sich auf Geheiß ihres Mannes selbst erschießen. Sie gerät situationsbedingt aus der Fassung. Greift im Affekt zum Revolver und tut, was die Szene verlangt. Dann kommt die Polizei anmarschiert, und Lulu entfahren die Worte, gerichtet an Alwa, komponierendem Sohn des Dr. Schön: »Lass’ mich nicht der Gerechtigkeit in die Hände fallen!«

Große Szene. Punkt, wo das Ganze umschlägt, der Rückwärtsgang eingelegt wird, Rettung und Rache reichen einander einträchtig die Hand. Es ist wie bei gewissen Ländern, auf die im Namen der Menschlichkeit unbedingt Zugriff sein muss. Fallen sie der globalen Gerechtigkeit in die Hände, ist es um sie geschehen.

Genau so in »Lulu« (nach Frank Wedekind), einer der kühnsten Opern, die im 20. Jahrhundert gemacht wurden. Sie kam in Dresden an der Semperoper in der Regie von Stefan Herheim, der szenischen Einstudierung von Annette Weber und der musikalischen Leitung von Cornelius Meister heraus.

Eine Glanztat, der Staatskapelle wie aller Akteure. »Lulu« ist äußerst vielschichtig, die Zahl der Bühnenakteure überschreitet jedes normale Maß. Bergs Partitur hat jene Mobilität, Figuren im Vokalen unterscheidbar, instrumentell kenntlich zu machen, jeder einzelnen den Geist einzugeben, der ihr gebührt. Vielfach ist Kammermusik zu vernehmen. Sängerparts laufen über Instrumentengruppen ab, auch Soloinstrumenten. Klavier, Geige, Akkordeon sind selbst Teil der Bühne.

Die drei Akte gehen auseinander hervor. Der Lulu-Part basiert auf einer Zwölftonreihe, woraus sich das Material der ganzen Oper ableitet. Wird Lulu durch die Schar ihrer Liebhaber auf die abschüssige Bahn geworfen, findet musikalisch so etwas wie ein Krebsgang rückwärts statt. »Lulu« ist also auch formal-strukturell eng an den Inhalt geknüpft. Ein Riesenreiz, wenn die Ohren über fast vier Stunden gespitzt bleiben.

Stefan Herheim kreiert seine »Lulu« aus der Perspektive des Guckkastens. Ein moderner Rundbau verwandelt sich in das Halbrund eines Zirkus. Dort eröffnet der Tierbändiger den fröhlichen Reigen. Auf der Empore suhlen stumm gestikulierende Musikanten. Die bleiben in Aktion, die ganze Oper hindurch. Ein springendes, schunkelndes, stets aufmerksam schauendes Völkchen, Gaukler in bunten Kostümen, die kommentieren, ohne zu singen. Selbst die Karikaturen von Polizisten gesellen sich ihnen.

Unten nicht minder grotesk das Bild. Lulu wird aus einer Wand sozusagen frei geschnitten. Erst Bild, dann Statue, hernach Schlange in Frauengestalt. So will es der Bürger, so will es der Schein. Aber schon präsentiert sie sich nackt vor dem bekleckerten Kunstmaler (Nils Harald Sodal), der über dies Modell liebestoll wird, während der eintretende alte Medizinalrat (Joachim Golz), des Anblicks gewärtig, vor Entsetzen tot auf ein Podest fällt, wo sonst die Tiger drauf sitzen und auf den Befehl zum Sprunge warten.

Genau solche Turbulenz, solche Groteske verleiht der Aufführung Atem, Spannung, Geist. Das führt bis in die rückläufigen Szenen, in denen die toten Männer auferstehen, um Rache zu üben, zur Börsenszene, wo die Jungfern-aktien Glück verheißen und entwertet vom Himmel fallen, wo der tote Dr. Schön als Jack the Ripper die Untat an Lulu begeht.

Wer aber ist Lulu? Die Inszenierung gibt schlüssige, groteske Antworten. Zum einen ist sie Frau, die so sehr fürchten muss um die Gaben ihrer Natur. Das ganze bürgerliche Elend, das auf der Bühne singt und kraucht und stirbt und säuft und kliert und bockt und schmiert, dies komische Gesockse (kein Held in Sicht) will ihr diese Gabe abspenstig machen - durch Anbetung und Zurichtung und letztlich ihre Ermordung.

Das gelingt auf die lächerlichste Art. Lulu gilt dieser Gesellschaft als das Urweib, die Inkarnation der Verführung, der Intrige. Auf der Dresdener Bühne windet Lulu (Gisela Stille legt in sie ihren ganzen Nuancenreichtum) ihre Formen schlangengleich durch die Lustbezirke der Männerwelt hindurch, dort mal leckend, hier genießend, ihre Reize in jedem denkbaren Moment ausstellend, bis zur vollständigen Nacktheit, deren Anblick den männlichen (wie weiblichen) Sexus auf Pegelstand bringt (manche Hand geht zielbewusst in die Genitalgegend), ein Weib, das der gelackte Bürger, der irritierte Künstler, der reiche Sack Dr. Schön (Markus Marquardt), der ewig kritzelnde Komponist Alwa (Jürgen Müller) , der den Ruch der Story hinkleckst, der erstaunte, mitmachende Journalist (Ilhun Jung), der Fünfzehnjährige (Romy Petrick), der geschäftige Pöbel aus der Juxproduktion unbedingt haben will, oder von dessen Früchten zu kosten sucht, aus Triebbesessenheit, Eigensucht und Geschäftsinteresse.

Recht besehen, ist Lulu bloß ein Stück Fleisch zur Lustbefriedigung, zum Gebrauch vor und hinter der bürgerlichen Folie, dazu da, Karrieren einzuleiten, neben der Zimmerpalme ein weiteres Ausstellungsstück. Lulu als krudes Mittel zum Zweck. Taugt das Mittel nicht mehr, entfällt der Zweck. Die Frau, nach der Rechtsprechung der Gerechtigkeit schuldig geworden, gehört nun weg, auf den Jordan, wo Leichen schwimmen, in den Augiasstall, wo es stinkt, unten zu den Dirnen. Endlich auf die Bahre des Todes mit herausgeschnittener Vulva, jener gierigen Unruhestifterin, welche die männliche Gesellschaft - auch die der Damen in Gestalt der lesbischen Gräfin Geschwitz (Christa Mayer) - gegeneinander aufbringt.

In Bergs »Lulu« wirkt noch das Gift, das die Protagonistin aus sich herausschießen lässt, wie Glück im Unglück. Der erregte Dr. Schön weiß, dass er sich ins Verderben stürzt, schaut er seiner Grazie ins Gesicht - er tut es trotzdem. Was ist schon das Gift der Schlange gegen die Tollheit der Leidenschaften? Lulu steigt auf und fällt. Dass sie aufsteigt, ist zugleich ihr Verhängnis. Nach ihrer Ermordung, fällt der ganze Zirkus zusammen.

Alban Berg hat an der Oper in wüster Zeit gearbeitet, von 1932 bis zum Tode 1935. Er konnte den 3. Akt nicht mehr vollenden.

Nächste Vorstellung: 10.2.