Aufrichtig-klar und dabei traumverloren ist die Stimme dieser Autorin. Sie beobachtet genau, vor allem aber lauscht sie nach innen. Und wenn man benennen müsste, was der Gewinn dieser Lektüre ist, so mag es eben dieses Lauschen sein. Lauschen lernen: Manch eine/einer wird es nötig haben, aber die/der liest wahrscheinlich dieses Bändchen nicht. Katrin Marie Merten hat womöglich auch gar nicht so sehr an Leser gedacht, denen sie etwas sagen möchte. Sie holt Sprache aus sich heraus und stellt sie vor sich hin. »Es sind klug komponierte, subtil inszenierte und leise erzählte Texte«, sagt Kai Agthe im Nachwort. Es ist wahr, die Autorin, die dieses Jahr dreißig wird, im Thüringischen aufwuchs und am Leipziger Literaturinstitut studierte versteht sich auf Sprache und Stil, sie feilt am Wort. Man merkt ihre Erfahrung als Lyrikerin an ihrer Art, Momente festzuhalten und zu durchfühlen.
Mag uns das Ich der Autorin in verschiedenen Situationen begegnen, die nicht alle selbst erlebt sein müssen (einmal schlüpft sie sogar in ein männliches Ich), mag sich aus der Handlung der elf Geschichten nicht unbedingt etwas Zusammenhängendes formen, so gibt es doch Grundstimmungen, die immer wiederkehren. Sehnsucht nach Zuwendung und gleichzeitig ein In-Sich-Verschlossensein, das eigentlich ein Sich-Schützen ist. Kultivierter Feinsinn als Hülle für ein fragiles, verletzliches Selbst. Die Liebeserklärung an einen Hund (»Dieser Streifen am Tier«) und dessen Tod («Wenn der Hund stirbt«) bilden Anfang und Schluss. Dazwischen Geschichten von Mädchen und Frauen voll sanfter Melancholie. Frauen, die suchen und warten. »Vielleicht auf etwas, das sich anfühlt wie Erwachsensein«, heißt es in »Zum Lufttanz Versammelte«. Und die zugleich alles unternehmen, um davor zu fliehen. Was die Gesellschaft ihnen leicht macht; sie haben das Gefühl, ihre Klugheit, ihre Kraft sind eigentlich nicht gefragt. Also kehren sie sich nach innen und kommen bald nicht mal mehr auf die Idee, dass es ein gesellschaftliches Ganzes geben könnte, an dem sie mitwirken und dessen Widersprüche sie in sich auszutragen haben. Aber sie tragen diese Widersprüche ja aus: Vereinzelung, Vereinsamung, Verlust an Geborgenheit. Die Innenwelt als Spiegel der äußeren; insofern ist, ungewollt, in den Ich-Geschichten der Katrin Marie Merten viel Gesellschaftliches vorhanden, was Ältere auf ihre Weise durchdenken werden. Auch im Sinne eigenen Versagens. Es ist kein Zufall, dass Mutter- und Vaterfiguren in diesen Erzählungen, so sie überhaupt vorkommen, eher Last als Stütze sind. Denn in den Jahren des Umsturzes, als die Kinder sie am meisten brauchten, sind die Erwachsenen vor allem - ja auch notgedrungen - mit sich selbst beschäftigt gewesen.
Es ist kein falscher Ton in diesen Texten. Bei jedem Wort, das sie niederschrieb, hat Katrin Marie Merten in sich hineingelauscht, ob sie es genauso meint. Rundum Kulissen, Inszenierungen, Rollenspiele - sie fragt sich, wo das Echte ist, und sei es nur im eigenen Leben.
Katrin Marie Merten: Rückwärtslaufen. Erzählungen. Edition Muschelkalk im Wartburg Verlag. 72 S., brosch., 11 €.
Aktuelle Ausgabe: 26.05.2012
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