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Von Bodo Schönfelder 09.02.2012 / Feuilleton
Berlinale 2012

Tanz der Verhältnisse

Eisensteins »Oktober« als Berlinale-Gala

Sergej Eisensteins Film »Oktober«, zum 10. Jahrestag der russischen Revolution 1927 entstanden, erlebt am morgigen Freitag auf der Berlinale eine spezielle Wiederaufführung - mit der rekonstruierten Musik von Edmund Meisel.
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Szene aus »Oktober«. TV-Tipp: »Oktober« läuft am 15. Februar, 23.05 Uhr auf Arte (bis 1.00 Uhr)

»Oktober« (Oktjabr), der dritte Film Eisensteins, das ist Fest und Feier der geglückten Revolution von 1917. Sehr frei auf John Reeds Buch »Zehn Tage, die die Welt erschütterten« beruhend - unter diesem Titel wurde der Film auch außerhalb der Sowjetunion vertrieben -, ist der Film keine historisch akkurate Rekonstruktion der Ereignisse, sondern ist eher den öffentlichen Massentheateraufführungen verpflichtet, in denen Teile des Geschehens nachgestellt wurden.

Populäre Mythenbildung für eine neue Gesellschaft. Dass der Film den historischen Fakten nicht genau folgte, wurde schon 1928 erkannt. Sogar von Verfälschung und Lüge war die Rede. So stand die Zarenstatue, die zu Beginn des Films zerstört wird, in Moskau und nicht in St. Petersburg, und sie wurde auch erst 1921 abgerissen. Die Chronologie der Ereignisse wurde leicht verändert. Die Erstürmung des Winterpalastes war weit weniger dramatisch als im Film. Die Kritik übersah, dass der Film eine intellektuell und emotional fordernde Verarbeitung der Revolutionsgeschichte sein will, die selbstständiges Denken und Handeln erzeugen soll.

Nach dem internationalen Erfolg von »Panzerkreuzer Potjemkin« standen Eisenstein und seinem Team vergleichsweise beträchtliche Mittel zur Verfügung. So konnte der Regisseur ausführlich sein Konzept der intellektuellen Montage erproben. Die Plausibilität von Raum und Zeit des traditionellen Spielfilms wird darin weitgehend aufgegeben.

Ungewöhnliche Kameraeinstellungen, Detailaufnahmen und expressive Lichtsetzungen werden so kombiniert und montiert, dass kein harmonischer Gesamtausdruck entsteht, sondern die Disparatheit bestehen bleibt. Dazu kommt der Verzicht auf identifikatorische Hauptfiguren und die Betonung der Massen als Motor der Ereignisse.

Über weite Strecken wirkt der Film wie eine Illustrierung des Marxschen Diktums, dass die versteinerten Verhältnisse zum Tanzen gebracht werden müssten. Immer wieder kontrastiert Eisenstein einzelne Menschen und Mengen mit Monumenten, Herrschaftsgebäuden. Das Leben bricht sich Bahn. Wohl auch deshalb die emphatische Inszenierung der Erstürmung vom Winterpalast. Dass in den Film auf Weisung Stalins eingegriffen wurde, ist bekannt. So wurden fast alle Szenen mit Trotzki, der in Ungnade gefallen war, entfernt.

Eisenstein ist in seiner Vorstellung der Politik als Maschine eher Leninist als Marxist. Die politischen Gegner der Revolutionäre wirken zumeist wie Karikaturen. Auch dadurch, dass der Einfluss des russischen Symbolismus zu spüren ist, macht »Oktober« gelegentlich einen barockisierenden Eindruck. Trotzdem kann man den Film nicht auf Propaganda reduzieren.

Dass jede Wirklichkeit intellektuelle Konzepte relativiert, gehört zum Leben, das Eisenstein eindrücklich feiert.

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

  • 62. Berlinale

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    Vom 9. bis 19. Februar war in Berlin die 62. Berlinale zu erleben. Bis zum 19. Februar wurden rund 400 Werke aus aller Welt gezeigt. Im Wettbewerb der Berlinale konkurrierten acht Filme um den Goldenen und mehrere Silberne Bären. Filmquiz ist beendet, wir haben die Rätsel aufgelöst. Mehr

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2 Kommentare zu diesem Artikel

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  • max-stirner, 09. Feb 2012 08:47

    ???

    Ist das nicht der Film, in dem Eisenstein einen unterwürfigen Tribut an den neuen Machthaber Stalin leistete?
    Ich bin mir nicht mehr sicher, ob es in diesem Film der Fall ist, aber es gibt in einem Eisenstein-Film eine Szene, in der Stalin als konsequenter Befürworter des Roten Oktober dargestellt wurde, während man Trotzki gezeigt bekommt als einen weinerlichen und ängstlichen Kleinbürger-Revoluzzer.
    Dabei war es doch genau umgekehrt:
    Stalin galt wie die meisten alten Bolschewiki als Anhänger der Theorie, eine bürgerliche Revolution durchzuführen, während Lenin mit seinen April-Thesen (denen Trotzki zustimmte) forderte, die Provisorische Regierung zu stürzen und eine Sowjetmacht zu errichten resp. den bestehenden Sowjets die gesamte Macht zu übertragen.
    Bucharin und Stalin vertraten ihre eher menschewistischen Ansichten in einer "bolschewistischen" Zeitung; da gab es revolutionäre ArbeiterInnen, die wegen dieser Ansichten den Ausschluß beider aus der Partei verlangten. Hätten sie es doch getan.

    • Permalink

  • Rotspoon, 09. Feb 2012 11:42

    Ja

    das ist der Film. Heutige Generationen kann er nur verwirren. Wir hielten ihn damals für bare Münze.

    • Permalink

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