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Berlinale 2012

Geschichte folgt uns nach

Regisseurin Agnieszka Holland über Kino als Erinnerungspflicht

Die polnische Regisseurin Agnieszka Holland (Jg. 1948) schuf das Drama »In Darkness«: Juden verstecken sich in der Kanalisation von Lwow vor den Nazis. Der Film der »Berliner Firma SCHMITz Katze Filmkollektiv« ist als bester nicht-englischsprachiger Film für den Oscar nominiert.

nd: Agnieszka Holland, das Thema Holocaust lässt Sie nicht los.
Agnieszka Holland: Der Holocaust ist Teil meiner Identität, der Geschichte meiner Großeltern und Eltern. Mein Spielplatz waren die Ruinen des Warschauer Ghettos, die Narben der Stadt waren in meiner Kindheit ebenso zu spüren wie die Narben im Denken der Menschen. Das Thema wird mich bis zu meinem Tod begleiten, auch weil wir trotz Tausender Bücher oder Filme nie vollständig verstehen können, wie es zu diesem Verlust jeglicher Humanität kommen konnte. Diese Frage nach dem Warum wird nicht aufhören, sie wird genauso immer wieder zu den Bürgerkriegen in Ruanda und Bosnien-Herzegowina gestellt werden. Geschichte folgt uns nach.

Trotzdem haben Sie lange mit der endgültigen Zusage für den Film »In Darkness« gezögert?
Das Buch wurde mir von kanadischen Produzenten 2007 angeboten. Es gefiel mir, obwohl es ein wenig sentimental und überdramatisiert war. Mir missfiel nur die Konzeption eines Dramas mit mittlerem Budget und bekannten Hollywood-Schauspielern. Englisch ist die Lingua franca der Filmindustrie, aber einige Stoffe verlieren dabei ihre Glaubwürdigkeit und Authentizität. Die Originalsprache macht Figuren und Gefühle glaubwürdiger. Ich wollte daher auf keinen Fall in Englisch drehen. Diese Bedingung wurde mir erfüllt, obwohl sie das Budget zusammenschrumpfen ließ.

Vor welchen Herausforderungen standen Sie bei einem Film, der zu 80 Prozent in dunklen Kanälen spielt?
Man braucht eine talentierte Crew und Ideen, um mit den Herausforderungen umzugehen, mit der Enge, dem Wasser, der Dunkelheit. Die Drehmonate Februar und März 2010 waren so kalt in Deutschland wie lange nicht. Wir froren ständig. Nach dem letzten Drehtag war ich so erschöpft und deprimiert wie noch nie zuvor nach Ende der Filmarbeiten. Meine einzige Hoffnung war, dass ich nicht zwei Jahre meines Lebens mit einem Werk verplempert habe, das die Mühe nicht wert war.

Verletzen Sie in Ihrer Heimat noch immer ein Tabu, wenn Sie die Vorurteile gegenüber Juden und die Beteiligung am Holocaust thematisieren?
Nach der Öffnung der Archive begann in Polen ein ehrenwerter Prozess, sich der Wahrheit zu stellen: dass nicht alle so edel gehandelt haben, wie es jahrelang dargestellt wurde. Viele Polen haben Schuld auf sich geladen. Diese dunkle Seite unserer Geschichte ist für ein Volk, das jahrhundertelang selbst Opfer von Unterdrückung war und viele Tragödien durchlitten hat, schwer zu ertragen.

Jetzt ist es Teil des Martyriums des polnischen Volkes, dieser Wahrheit ins Gesicht zu sehen?
Ja! Die Nazis haben die Juden als Ungeziefer verunglimpft, das ausgerottet werden muss. Das fiel im katholischen Polen auf fruchtbaren Boden, wo der wirtschaftliche Erfolg der jüdischen Minderheit mit Neid und Missgunst betrachtet wurde. Und auch die Juden selbst waren nicht frei von Vorurteilen, wie der Film ungeschminkt zeigt. Am Anfang halten sie den Polen, der ihnen hilft, für dumm und geldgierig und fürchten ständig, er werde sie verraten. Erst in einem langen Prozess revidieren beide Seiten ihre Klischees.

Wobei es dieser langsame Prozess der gegenseitigen Annäherung ist, der Ihren Film gegenüber »Schindlers Liste« auszeichnet.
Wenn Menschen mit Situationen wie dem Holocaust konfrontiert werden, sind nur drei Rollen zu verteilen: das Opfer, der Täter und der ohnmächtige Zeuge. Das Drama im künstlerischen Sinn beginnt, wenn einer die Rolle nicht annimmt und gegen den Strom schwimmt.

In »Schindlers Liste« sind die Rollen klar verteilt ...
... aber dort sind die Juden wie in den meisten Filmen eine gesichtslose Masse. Und alle sind nobel. Man nimmt ihnen die Vielfalt, man hebt sie auf einen Sockel. Mein Ansatz war ein anderer. Die Juden kommen aus allen sozialen Schichten, und es ist im Film ein einfacher Arbeiter, der ihnen hilft. Das hat eine andere Wirkung, als wenn dies ein Intellektueller tut. Und er tut dies nicht aus Heldenmut, die Lieferung der Lebensmittel ist zunächst einzig ein lukratives Geschäft. Seine Veränderung kommt langsam, es ist kein plötzliches Wunder.

Wie hat das Publikum in Polen auf den Film reagiert?
Der Film läuft seit Anfang Januar und hatte schon mehr als eine Million Zuschauer. Über dieses Wunder bin ich sehr glücklich. Viele Ältere waren im Kino, aber auch viele junge Leute. Diese Generation möchte an die Vor-Holocaust-Geschichte anknüpfen, an das Miteinander von Katholiken und Juden. Was schwer ist, denn die jüdischen Gemeinden sind von sechs Millionen auf rund 15 000 Mitglieder geschrumpft. Polen ist heute einer der wichtigsten Alliierten Israels, zugleich alarmieren uns die Nachrichten über Neonazis. Der Antisemitismus ist heute aber eher eine abstrakte Ideologie - die ökonomische Macht der polnischen Juden, eine der Wurzeln des irrationalen Antisemitismus vor 1939, ist ja nicht mehr vorhanden. Aber viele fürchten, dass der Antisemitismus wieder ein Ventil werden könnte, wenn die ökonomische Krise anhält.

Interview: Katharina Dockhorn

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

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