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Von Günter Agde 09.02.2012 / Kino & Film
Berlinale 2012

Mein Tagebuch (1)

Zur Eröffnung zeigt die Retrospektive mit zwei Spielfilmen, wie das Studio »Meschrabpom-Film« heitere Geschichten fabulieren und viele Zuschauer anziehen konnte: »Schachmatnaja gorjatschka« (Schachfieber, 1925, Pudowkin, Schpikowski) bietet ein amüsantes Kammerspiel um einen Schachbesessenen, der vor lauter Fanatismus sogar seine Hochzeit ausfallen lässt, und um seine Liebste, die den Verlust kaum ertragen kann.

Die turbulente Kurzkomödie ist in einen historischen Vorgang eingebettet: Der seinerzeitige Schachweltmeister José Capablanca stellte sich 1925 in Moskau öffentlichen Turnieren. Die schachbegeisterte Stadt drängte sich nach ihm, und das Liebespaar mittendrin. Mit Komik und Eleganz werden reale Szenen der historischen Schachturniere in einem Moskauer Theater mit dem ausländischen Gast und mit der Liebesgeschichte aus dem Moskauer Alltag verknüpft. Ein zusätzlicher Reiz: In dem Filmspaß wirkten zeitgenössische authentische Schachgrößen und prominente Regisseure des Studios mit - auch als Statisten im Turnierpublikum. Wie nebenbei gedreht: atmosphärisch dichte Reportagebilder vom Straßenleben im winterlichen Moskau.

Bei »Prasdnik swjatowo Jorgena« (Das Fest des heiligen Jürgen, 1930, Protasanow) ist der historische Kontext der Filmentstehung interessant: Über viele Jahre hin musste die gemischte, deutsch-sowjetische Aktiengesellschaft Meschrabpom-Film zwischen ideologischen Forderungen der Moskauer Führung und eigenen filmpolitischen Ambitionen manövrieren. Mit diesem Film reagierte das Studio auf die staatliche Forderung, die massive antireligiöse Propaganda, die Ende der 1920er Jahre begann, filmisch zu unterstützen - und es gelingt ihm der Glücksfall einer Komödie.

Ein (weitgehend anonymer) Klerus baut mit offensiver Öffentlichkeitsarbeit einen Heiligen auf und lässt über ihn sogar einen Legendenfilm drehen. Die zahlreichen Wundertaten des heiligen Jürgen verschaffen seinen Erfindern erhebliche Einnahmen. Zwei fixe Ganoven durchschauen die Tricks und wollen ihren Schnitt dabei machen. Und so spielen sie das Spiel nach allen Regeln einer Komödie und eines Krimis mit. Die Lust der Schauspieler an Verkleidung und Verwandlung, an Pose und an Desillusionierung charakterisieren den Film, der freilich auch nicht an großen Massenszenen der Gläubigen bei ihren Wallfahrten spart.

Gewiss haben manche sowjetische Zuschauer über den tieferen Sinn des Spiels zwischen Sein und Schein nachgedacht, obwohl der Film mit Bedacht jede Aktualität vermied. Unter ihnen waren sicherlich auch viele Gläubige, wie sie der Film zeigte. Mit antireligiösem Materialismus allein war den Sehnsüchten des Volkes nicht zu begegnen. Die reichen komischen Mittel, die Regisseur Jakow Protasanow einsetzt, sein Kunstsinn und sein Geschmack schaffen eine erträgliche Balance, die sogar Vergnügen machen kann.

Zu sehen: heute im CinemaxX 8, 20 Uhr,

Wiederholung:
Samstag, 11. 2., 11.30 Uhr,
ebenda, Sonntag, 19.2., 21 Uhr

Unser Autor Günter Agde ist Filmhistoriker, langjähriger Mitarbeiter der Akademie der Künste Berlin. Zahlreiche Publikationen. Gemeinsam mit Alexander Schwarz Kurator der Retrospektive »Die rote Traumfabrik«.

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

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