Als 2005 für eine Serie in dieser Zeitung ein Text über die einstige Jüdische Mädchenschule an der Auguststraße entstand, war das imposante Gebäude wegen Baufälligkeit gesperrt, Einlass nur per Sondergenehmigung möglich. Vor gut einem Jahr konnte die jüdische Gemeinde die baldige Nutzung des Objekts verkünden und hatte dafür sogar zwei potenzielle Bewerber. Jener, der den Zuschlag dann erhielt, Michael Fuchs als der geschäftsführende Gesellschafter der Galerie Haas & Fuchs, durfte jetzt nach neunmonatigem Umbau unter denkmalschützerischen Aspekten Vollzug melden.
Seine Vision eines neuen Standorts für Kultur und Genuss im Dreieck aus Museumsinsel, Galerienviertel Mitte und den Kunst-Werken ist wahr geworden, was den Vertreter der jüdischen Gemeinde zu dem märchenhaften Vergleich inspirierte, Prinz Fuchs habe dieses Denkmal »wachgeküsst«. Sehen lassen kann sich die mit fünf Millionen Euro aus privatem Portefeuille gegenüber der Planung deutlich teurere Sanierung allemal. Denn behutsam folgte sie den Absichten des Architekten Alexander Beer, der den sachlichen Fünfgeschosser mit Klinkerverblendung 1927/28 errichtet hatte. Beers Verwahrer, Grüntuch Ernst Architekten, griffen nur dort ein, wo aktueller Standard es nötig machte. Erhalten blieb so die lichte Atmosphäre des schulischen Zweckbaus mit seiner großzügigen Weite.
Wo ehemals in 14 Klassen 300 Mädchen unterrichtet wurden, bis die Nazis die Schule 1942 schlossen, treffen jetzt Kunst und Gastronomie aufeinander und helfen so eine Wunde heilen. Für kulturelle Nutzung stehen die drei mittleren Etagen, in denen sich bereits fest drei Galerien eingemietet haben. Der erste Stock beherbergt mit der CWC Gallery, Camera Work Contemporary, eine Dependance von Camera Work, einer Charlottenburger Adresse für zeitgenössische Fotokunst.
Fotografie, Malerei und Skulptur in umfangreichen Retrospektiven sind für die vier Räume sowie die Umgänge mit einer Ausstellungsfläche von rund 500 Quadratmetern vorgesehen. Derzeit füllt sie mit seinen großformatigen Fotos der 1951 geborene, in New York und Paris ansässige Kanadier Robert Polidori: bildhafte Eindrücke vom Umbau in Versailles, vom Kreml und von Havannas zerbröselnder Altstadt, von den verheerenden Zerstörungen in New Orleans nach dem Hurrikan 2005 sowie Architekturfotos etwa vom Neuen Museum Berlin. Für viele sicher eine Entdeckung.
Wird für die zweite Etage mit möglichen Mietern der Fläche für Ausstellungen noch verhandelt, teilen sich den dritten Stock zwei Nutzer. Auch Eigen + Art Lab führt bereits zwei Galerien, eine in Leipzig, die andere an der Auguststraße. Die Räume in der Mädchenschule sollen hier weniger bekannten internationalen Künstlern und neuen Positionen vorbehalten bleiben. Bis zu drei Monate laufen diese Ausstellungen, begründen auch eine Reihe von Publikationen. Sein Debüt gibt Eigen + Art Lab erst ab 29. März mit dem britischen Maler Ryan Mosley, der seine Werke auf zwei frühere Klassenzimmer und den Korridor verteilen kann mit insgesamt 230 Quadratmetern.
Zweiter Mieter im dritten Stock ist die Galerie Michael Fuchs selbst, deren 80 Arbeiten einen Querschnitt der Kunst zeigen, von Carl Spitzwegs Miniatur-Stillleben über Andy Warhols Pop-Porträts Friedrichs des Großen bis zu Frank Stella. Mit der einstigen Aula als einem seiner Ausstellungsräume verfügt Spiritus rector Fuchs über einen besonders reizvollen Ort.
So viel Kunst, dachten sich die Konzeptionisten, macht hungrig. Deshalb holten sie die Gastronomie mit ins Boot. So funktionierten die Macher des Grill Royal die frühere Turnhalle zum Pauly Saal um und servieren in edlem Ambiente deutsche Küche, die man sommers auch im Innenhof genießen kann. The Kosher Classroom als Zusatzangebot bietet zertifizierte koschere Speisen. Künstlerisches und Lukullisches verbünden sich so und laden zur Debatte des auf drei Etagen Erlebten ein.
Ehemalige Jüdische Mädchenschule, Auguststr. 11-13, Mitte, Eintritt frei
Aktuelle Ausgabe: 26.05.2012
Preis: 120,00 €
Preis: 9,95 €
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