Sprungmarken: Inhalt, Navigation.
neues-deutschland.de: Blogs
Von Charlotte Noblet 10.02.2012 / Berlinale

Prostitution: Ein Studentjob wie jeder anderer?

2
Frauengespräch zwischen Anne (Juliette Binoche) und Charlotte (Anaïs Demoustier)
»Ich hatte großes Glück: Nach einem Monat in Paris, hatte ich eine schöne Wohnung.« Die junge Alicja (Joanna Kulig) öffnet sich ohne Scheu der Journalistin gegenüber, die einen Artikel über die Prostitution von Studentinnen in Paris schreibt. »Es ist wie mit Zigaretten, schwer zu stoppen«, gesteht ihrerseits Charlotte (Anaïs Demoustier) und sagt noch dazu, dass nichts, auch nicht Bumsen, so sehr wie die Acryl-Pullis und Sperrholzmöbel ihrer Eltern stinkt.
Die Begegnungen mit den zwei Studentinnen bringen Anne (Juliette Binoche), Journalistin in ihren besten Jahren für das Frauenmagazin »Elle«, zum nachdenken. Als verheiratete Mutter mit zwei Kindern, Fan von »Radio Classique« und Bio-Ernährung, hätte sie bisher eine ganze Seite der Gesellschaft hinweggesehen? Anne vertieft sich in der Bearbeitung ihrer Reportage und stellt ihre eigene Sexualität sowie die von ihrem Mann in Frage, vom Balkon ihrer bürgerlichen Pariser Wohnung aus.

Die Kamera konzentriert sich auf die Emotionen der drei Frauen


Zahlreiche Close-ups stellen intime Welten den Zuschauern gegenüber. Die Montage ergibt sich schnickschnacklos. Das Tempo des Films passt sich dem Geist der Figuren an: Langsamkeit widerspiegelt die inneren Fragen der Journalistin, leichtere Szenen betonen die Frivolität der Studentinnen, die sich eher keinen Fragen stellen oder sich keine Fragen mehr stellen wollen.

Die Schauspielerinnen sind bemerkenswert: Joanna Kulig verblüfft, Anais Demoustier kokettiert und Juliette Binoche strahlt wunderbar mit ihren 47 Jahren. Sie treibt mit ihrer Körpersprache die Intimität der Journalistin in die Enge: Ein echtes Kunststück! Allerdings sollten diejenigen, die Juliette Binoche nicht mögen, lieber auf den Film verzichten: Die französische Schauspielerin besetzt eine sehr dominierende Rolle in dem Film von Malgorzata Szumowska.

Für ihren zweiten Spielfilm „Das bessere Leben" serviert die polnische Regisseurin rüde Realitäten und Sex-Szenen zwischen kleinen kulinarischen Köstlichkeiten wie Hahn in Riesling und Jakobsmuscheln. Von Paris, Stadt der Liebe, sehen die Zuschauer/innen vor allem Innenräume - für Personen unter 12 Jahren verboten.

Die Produzentin Marianne Slot und die Drehbuchautorin Tine Byrckel wollten einen Film ohne Vorurteile über die Prostitution von Studentinnen in Paris. Für Malgoska Szumowska haben sie sich entschieden, als sie ihren Spielfilm »33 Szenen aus dem Leben« (2008) gesehen haben. Malgorzata Szumowska stammt aus dem Dokumentarfilm und dies merkt man ihren Filmen an.

Für das Drehbuch wurden Umfragen in Frankreich und Polen durchgeführt. Dabei sind sie oft auf junge Frauen gestoßen, die Lust auf Sex für Geld hatten. Darum wird im Film über die Prostitution mit den Worten der zwei Studentinnen gesprochen und nicht in den den üblichen Vorstellungswelte voller Drogen- und Zuhälter. Ist dafür die Prostitution ein Studentjob wie ein anderer geworden?

Die französisch-polnische Produktion wird auf der Berlinale in der Sektion »Panorama Special« gezeigt, die mehr und mehr Genderproduktionen anbietet. Macht das „Das bessere Leben" zu einem feministischen Film? Emanzipieren sich die Studentinnen auf diese Art von den Immobilienpreisen? Sind die Männer von ihrem Bild in der Führungsposition ihren Frauen gegenüber befangen? Die Fragen bleiben offen, und damit wird der Film ohne Zurückhaltung und ein paar bürgerlichen Fragen etwas verführerisch.

Juliette Binoche auf dem Toronto Film Festival 2011 (auf Englisch):
http://youtu.be/6zELh2eR5Rc

Der Film bei der Berlinale:
https://www.berlinale.de/external/de/filmarchiv/doku_pdf/20120989.pdf

Trailer:

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

  • 62. Berlinale

    Dieter Kosslick, Chef der 62. Berlinale, die vom 9. - 19. Februa...

    Vom 9. bis 19. Februar war in Berlin die 62. Berlinale zu erleben. Bis zum 19. Februar wurden rund 400 Werke aus aller Welt gezeigt. Im Wettbewerb der Berlinale konkurrierten acht Filme um den Goldenen und mehrere Silberne Bären. Filmquiz ist beendet, wir haben die Rätsel aufgelöst. Mehr

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

Kommentare zu diesem Artikel

Kommentar schreiben (Login erforderlich)
Sprungmarken: Seitenanfang, Navigation.

Ihre Meinung zu diesem Artikel

Unsere aktuellen Blogs

  • Eine Zukunft ohne NATO

    Eine Zukunft ohne NATO

    Von dem Supergipfel, der ursprünglich als gemeinsames NATO- und G8-Treffen in Chicago geplant war, nahm die US-Regierung schnell wieder Abstand.
    Die Proteste wären wohl aus dem Ruder gelaufen. An diesem Wochenende tagen die Vertreter der G8-Länder in einer militärisch abgeschirmten Sperrzone in Camp David in der Nähe der US-Hauptstadt. Die NATO-Strategen halten dagegen Chicago in Atem. Von dort berichtet Max Böhnel über die internationale Gegenkonferenz namens „NATO Free Future“, zu der auch Vertreter der deutschen Friedensbewegung anreisen. Am Sonntag soll als Höhepunkt gegen den Willen von Stadtverwaltung und Polizei eine Grossdemonstration gegen das Militärbündnis stattfinden.

  • Linke und Technik...!

    Linke und Technik...! Foto: dpa

    Blog von Marcus Meier: Welche Chancen erwachsen aus technischen Innovationen - für eine soziale und umweltfreundliche Gesellschaft, für mehr Demokratie, für ein rationaleres Wirtschaftssystem? Wo verhindern kapitalistische Mechanismen den technischen Fortschritt oder den fortschrittlichen Technikgebrauch? Wie, wo und warum generiert der Kapitalismus schlicht Fortschrott? Das sind die Fragen, die das neue nd-Weblog "Linke und Technik..! Fortschritt, Fortschrott und die Folgen " beantworten will. Autor Marcus Meier ist übrigens beides: Technikfreund und Technikskeptiker.

  • In eigener Sache

    neues deutschland

    Hausblog: Aus dem nd über das nd: In unserem Hausblog halten wir Sie über alles berichtenswerte aus Redaktion und Verlag auf dem Laufenden.

Unsere Blogger:

  • Marcus Meier

    Marcus Meier ist Journalist und arbeitet zu den Themen Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Für das nd schreibt er seit Oktober 2009 regelmäßig – und meist zu NRW-Themen. Meier betreibt Das SPRUSKO-Prinzip, ein Weblog »zur Kritik des Ramsch-Kapitalismus«. Er lebt und arbeitet in Bochum. Seine Webseite: www.marcusmeier.de.

    Er ist beteiligt an folgenden Blogs:

  • Max Böhnel

    Max Böhnel lebt seit dreizehn Jahren in der Nähe von New York und berichtet als freier Journalist für deutschsprachige Radiosender, Print- und Internetmedien, unter anderem auch für nd.

    Er ist beteiligt an folgenden Blogs:

Sprungmarken: Seitenanfang, Navigation.
Sprungmarken: Seitenanfang, Navigation.

Werbung:

Werbung:

Sprungmarken: Seitenanfang.