Marcus Meier 11.02.2012 / Kolumnen
Fritz Vahrenholt

Messias der »Klimaskeptiker«

RWE-Manager Fritz Vahrenholt will uns erlösen – von den »Übeln« Klimapolitik und Energiewende

Seit Längerem treibt sich Fritz Vahrenholt in der völlig irrationalen Szene der »Klimaskeptiker« herum. Nun hat der RWE-Mann das Buch »Die Kalte Sonne« vorgelegt. Die von ihm geforderte neue Klimadebatte würde dem RWE-Konzern nutzen – der den Klimawandel enorm forciert und ihn durchaus fortgesetzt bestreiten lässt. Inhaltlich zu bieten hat Vahrenholt nur zweierlei: Verschwörungsparanoia und leicht zu widerlegende Argumente. Doch nicht nur RWE-Boss Jürgen Großmann ist begeistert. Warum?

Wer steckt hinter der Verschwörung: die Kommunisten oder der Weltklimarat?
Amazon-Kunden, die das in dieser Woche erschienene Buch »Die Kalte Sonne. Warum die Klimakatastrophe nicht stattfindet« erwarben, kauften es besonders oft zusammen mit einem anderen Druckerzeugnis: »Rote Lügen in grünem Gewand: Der kommunistische Hintergrund der Öko-Bewegung«. Erschienen ist dieses Meisterwerk in einem rechten Verschwörungstheorie-Verlag. Ein bei Konsumenten der »Kalten Sonne« ebenfalls beliebter Titel heißt »Die Angst der Woche: Warum wir uns vor den falschen Dingen fürchten«. Die von der Amazon-Datenbank offenbarte Seelenverwandtschaft der drei Bücher dürfte kein Zufall sein. Offensichtlich existiert ein starkes Bedürfnis nach psychischer Entlastung: »Dieses ganze Öko-Gedöns – bleibt mir weg damit, ich habe genug andere Sorgen!« Doch der Klimawandel, die sonstigen Umweltkrisen, die knapper werden Rohstofflager und Schadstoffsenken – sie erfordern, ja erzwingen massive Veränderungen. Eigentlich. Eigentlich kann man das auch wissen.Die Art, wie wir produzieren, konsumieren, transportieren (und was und wie viel!); wie wir Energie nutzbar machen und nutzen, wie wir Lebensqualität gewinnen, kurz: wie wir leben – all das gehört auf den Prüfstand. Gerade dann, wenn Entwicklungsspielraum für die Länder des globalen Südens bleiben soll. Von Nöten wäre eine Revolution, mit der verglichen Lenins Sturm auf das Winterpalais – mit all seinen welthistorischen Folgen – wie ein Sturm im Wasserglas wirkt. Stammtische und Chefetagen: Weg mit dem Öko-Gedöns!Die Reaktionen auf diese enorme Herausforderung sind nicht immer rational: Manche träumen von einem »grünen Kapitalismus«. Sie glauben, wir könnten unseren Rohstoffverbrauch und Schadstoffausstoß auch dann um 80 bis 90 Prozent senken, wenn Profitprinzip und Wachstumszwang fortbestehen. An Stammtischen und in Chefetagen denkt man eher pragmatisch: Das ginge an die Substanz. Das würde teuer! Also: Abwehrreflexe. Sündenböcke sind da nützlich: Hinter all dem stecken die Kommunisten – das geht immer, auch wenn das »Gespenst des Kommunismus« (Marx) sich längst zur Ruhe gesetzt hat, zumindest in Europa. Oder es ist der vermeintliche Irrationalismus. Natürlich der Irrationalismus der anderen, der »Ökos« halt. Kurzum: Wird schon nicht so schlimm kommen! Warum massive Veränderungen für das Öko-Gedöns? Gedöns? Die Klimakatastrophe sei »genau so eine Lüge« wie »zuvor schon das ›Waldsterben‹ und das ›Ozonloch‹«, erfahren wir dank »Rote Lügen im grünen Gewand«. Das entspricht zwar nicht den Tatsachen (in keinem der drei Problemfelder!), soll aber eine steile These belegen: Wir befänden uns »auf dem Weg in eine ökosozialistische Diktatur, die jedem einzelnen Menschen vorzuschreiben gedenkt, wie er zu leben und zu arbeiten hat«. In den USA ist diese Argumentation noch beliebter, um nicht zu sagen Konsens zumindest rechts von der Mitte: Dort werden Umweltschützer mit Wassermelonen verglichen – außen grün, innen rot. Die neuen »Kommunisten«: Der Weltklimarat IPCCWas für die Autoren von »Rote Lügen in grünem Gewand« die »Kommunisten« sind, ist für Fritz Vahrenholt und seinen Co-Autoren Sebastian Lüning »der Weltklimarat«. Also das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) – im realen Leben die Crème de la Crème der Klimaforschung. »Der Weltklimarat irrt«, ja verzerre Daten, schreiben Vahrenholt und Co. »Hat der Weltklimarat noch alles im Griff?«, fragen die beiden, die Macht des IPCC mehr als dezent überschätzend. Schließlich fordern sie: »Die Klimadebatte muss neu geführt werden.« Das würde, nüchtern betrachtet, insbesondere Vahrenholts Arbeitgeber RWE nutzen – der Riese will seine Kohlekraftwerke, die bereits jetzt zu den größten Klimakillern des Kontinents zählen, ausbauen. Er will Merkels halbherzige Energiewende abbremsen, die für ihn sonst »zu teuer« wird – auch dank Jahrzehnte währender, milliardenschwerer Fehlinvestitionen. Die sich nun rentieren müssen.Vahrenholts Co-Autor Lüning, ein reichlich unbekannter Geologe, steht übrigens ebenfalls auf der Payroll des Energiekonzerns: Seit 2007 arbeitet er als »Afrika-Experte« bei der RWE-Tochter DEA, zuständig für die Öl- und Gas-Deals des Essener Konzerns. Warum der Afrika- nun plötzlich als Klima-Experte firmiert, bleibt offen. RWE und die KlimawandelleugnerDer Energie-Konzern gibt sich seit Langem ausgesprochene Mühe, sein angeschlagenes Image grün zu waschen – und diesbezüglich Einfluss auf die öffentliche Meinung und auf Entscheidungsträger zu nehmen. Mitunter werden gar Korruptionsvorwürfe laut.Den Klimawandel zu bestreiten ist längst ein Teil der Strategie: Bereits 2006 verkündeten renommierte Anwälte im Namen des Konzerns vor dem Oberlandesgericht Köln, dass der Klimawandel nicht mehr sei als eine »angenommene Gefahr«. Die sei »weder konkret noch gegenwärtig«, sondern vielmehr Produkt »subjektiver Wahrnehmung.« Dass RWE seine Atom- und seine neueren Kohlekraftwerke gerne als Beitrag zum Klimaschutz anpreist – der ja eigentlich überflüssig sein müsste – soll hier nur am Rande erwähnt werden. Es geht nicht um Widerspruchsfreiheit. Es geht um Propaganda.Bei der Wahl der Propagandisten ist man nicht allzu wählerisch. So trat am 20. Juni 2011 der skurrile Klimawandelleugner Nicola Scafetta auf einer von RWE initiierten Diskussions-Veranstaltung auf.

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