Von Kurt Pätzold
11.02.2012

»To use your forces without restriction ...«

14. Februar 1942 - Als das Todesurteil über deutschen Großstädte gesprochen wurde

Im Jahresverlauf haben die deutschen Großstädte ihre eigenen Daten, an denen sie der Ereignisse des Zweiten Weltkrieges gedenken. Zumeist sind das die Tage, an denen ihre Zentren unter dem Hagel der Fliegerbomben in Schutt und Asche versanken. Dann ziehen offizielle Delegationen zu den Grabstätten der Luftkriegsopfer, von denen viele in langen Reihen auf Friedhöfen begraben wurden. Menschen, die damals Kinder waren, gedenken der Toten aus ihren Familien.

Einer dieser Tage gilt über die Grenzen der damals zerstörten Stadt hinaus als Anlass der Besinnung und wird zugleich von einer Minderheit immer wieder zur Geschichtsklitterung genutzt: der 13. Februar, an dem 1945 Dresdens Innenstadt in eine Trümmerwüste verwandelt wurde. Vollstreckt wurde ein Todesurteil, das nahezu auf den Tage genau schon drei Jahre zuvor ausgesprochen worden war und eine namentlich noch nicht benannte Zahl deutscher Städte betraf.

Am 14. Februar 1942 erhielten die britischen Luftstreitkräfte die »Area Bombing Directive«, eine Weisung, die dem Luftkrieg gegen Deutschland neue Ziele bestimmte und bisher geltende Beschränkungen des Einsatzes der Luftgeschwader aufhob. Der entscheidende Satz dieser »General Directive No. 5« lautete: »You are accordingly authorised to use your forces without restriction …« Sie besagte also, dass von nun an keine Rücksichten irgendwelcher Art mehr existierten, wenn über dem Territorium des Gegners Bomben abgeworfen werden. Das bedeutete streng genommen keine Verletzung international vereinbarten Völkerrechts. Denn nach dem Ersten Weltkrieg unternommene Versuche, der Haager Landkriegsordnung und den existierenden Vereinbarungen über die Art und Weise von Kriegen zur See einen Vertrag über das Luftkriegsrecht hinzuzufügen, waren gescheitert. Doch dem Sinne nach stand diese »Directive« in klarem Widerspruch zu den Artikeln 25 und 27 über die »Gesetze des Landkriegs«, welche die Schonung unverteidigter Städte sowie von Einrichtungen der Wissenschaft, Kultur, Wohltätigkeit, von Krankenhäusern und ähnlichen Einrichtungen bestimmten.

Mit der Befolgung dieser Weisung, die Flächenbombardements freigab, wurde bereits in den nächsten Wochen begonnen. In den täglichen offiziellen Berichten der Wehrmacht las sich das so: »Britische Bomber griffen in der vergangenen Nacht einige Orte in Westdeutschland an. Die Zivilbevölkerung hatte geringe Verluste.« Tags darauf hieß es dann: »Die Zivilbevölkerung hatte Verluste an Toten und Verwundeten.« Das betraf die Attacken, die am 8. und 9. März Essen gegolten hatten. Über die Angriffe auf Lübeck, die am 28. und 29. März erfolgten, wurde zunächst gemeldet: »Britische Bomber griffen in der letzten Nacht einige Orte im norddeutschen Küstengebiet an. Die Zivilbevölkerung hatte einige Verluste.« Am Tage danach - die Beschönigung mochte Proteste erzeugt haben - wurde mitgeteilt: »Bei dem im gestrigen Bericht ... gemeldeten britischen Luftangriff auf Lübeck wurden in erster Linie Wohnviertel der Stadt getroffen. Die Zivilbevölkerung hatte stärkere Verluste.« Hinsichtlich der Angriffe, deren Ziel Ende April Rostock war, wurden zunächst »einige Verluste« und dann von »zahlreiche Verluste« vermeldet. Jede diese Nachrichten formulierte eine Lüge.

Die neue Phase des Luftkriegs über dem Reichsgebiet besaß eine lange Vorgeschichte. Sie begann mit der frühesten Verwendung von Flugzeugen, die den Angriffen von Landtruppen den Weg bahnen sollten, Und das geschah zuerst 1911 in Libyen, als Italien gegen das Osmanische Reich kämpfte, und setzte sich dann im Ersten Weltkrieg fort, mit dem der wahllose Abwurf von Bomben auf gegnerisches Gebiet begann, wozu auch Zeppeline eingesetzt wurden.

Nach den Erfahrungen, die in den Jahren 1914 bis 1918 gesammelt worden waren, und den raschen Fortschritten im Flugzeugbau, war den Militärs klar, dass sich für künftige Kriege eine neue Waffe entwickeln ließ, die umso wichtiger sein würde, als diese Kriege angesichts des Verschleißes von Kriegsgerät jedenfalls auch Wirtschaftskriege sein würden. Die Anschlussfrage lautete: Wie ließe sich die Wirtschaftskraft des Gegners am wirkungsvollsten treffen? Und die doppelte Antwort besagte: Entweder durch die Zerstörung seiner der Ausrüstung von Streitkräften dienenden Industrieanlagen oder durch die Schwächung seines Potenzials an Arbeitskräften durch die Ruinierung der Wohnstätten der Arbeiter, die sich zumeist in den dicht besiedelten Zentren von Städten befanden. Die lieferten durch ihre Bauweisen zudem ein ausgezeichnetes Brennmaterial. Folglich richteten sich die Forschungen auf den Einsatz von Sprengkörpern wie auf die Verwendung von Brandmitteln. Die waren weit gediehen, als der Krieg 1939 begann. Der Bombenmix, der Hausdächer öffnete und Brände verursachte, war alsbald verfügbar. Dazu kamen Flugzeuge, welche ihn in immer größeren Mengen transportieren konnten.

Zu dieser technischen Vorgeschichte, die den Erlass der »Directive No. 5« erst ermöglichte, gehört jedoch noch eine andere Komponente. Sie verweist in die Kriegführung der deutschen Wehrmacht von den ersten Tagen des Zweiten Weltkrieges an. Diese beginnt mit der Zerstörung der kleinen polnischen Kleinstadt Wielun nur Stunden nach dem Überfall auf das Nachbarland und erreichte ihren Gipfel mit dem Bombengriff auf Warschau. Während des »Westfeldzuges« wurde dann Rotterdam das Ziel einer verheerenden Luftattacke. Juli/August 1940 begannen die deutschen Luftangriffe auf britische Städte. War anfangs in den Wehrmachtsberichten von Angriffen auf Flugplätze, Flakstellungen, Ballonsperren, Kraftwerke, Lagerhäuser, Hafen- und Dockanlagen, Bahn- und Industrieanlagen berichtet worden und von »bewaffneter Luftaufklärung«, so wurde am 7. September offenbart, dass die Luftwaffe »dazu übergegangen« sei, »nunmehr auch London mit starken Kräften anzugreifen«. Noch wurde weiter der Eindruck vermittelt, Ziel seien durchweg nur kriegswichtige Anlagen. In Wahrheit wurde ein vollständig entgrenzter Bombenkrieg geführt, von dem die Demoralisierung der Inselbevölkerung erwartet wurde. Diese trat nicht ein, ebenso wenig ließ sich die Luftherrschaft über der Insel erringen.

Im Frühjahr 1942 waren die Rollen vertauscht. Mit der »Directive No. 5« begann das Flächenbombardement auf deutsche Städte. Doch so wenig wie sich die Erwartungen der deutschen Führung erfüllt hatten, so wenig erfüllten sich die der britischen; auch nicht, als sich die Royal Air Force mit den US-amerikanischen Fliegerstreitkräften die Aufgabe teilte. Die fanatisch an den »Endsieg« glaubenden Deutschen kämpften weiter, folgten Hitler & Co. auch noch, als längst klar war, dass der Krieg für sie verloren war. Nun auch aus Angst vor der Rache der Sieger. Die Rechnungen der Luftkriegsstrategen gleich welcher Nation erwiesen sich als Fehlrechnungen - und das galt sowohl für die kriegswirtschaftlichen wie die mentalen Folgen mörderischer Attacken aus dem Himmel.

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