Von Thomas Blum
11.02.2012

Leichte Hand

Eintritt ins Rentenalter: »junge Welt«

Mit ihren täglich 360 .000 Exemplaren dürfte die Auflage der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« etwa 25-30mal so hoch sein wie die der kleinen Tageszeitung »jungen Welt«, die am Sonntag 65. Geburtstag feiert. Dennoch verhält es sich mit der traditionsreichen »jungen Welt« so ähnlich wie mit der nicht weniger altehrwürdigen »FAZ«. Vorn konservativ, hinten bunt. Bei der »jungen Welt« herrscht auf den vorderen Seiten kompromisslos die Arbeiterfaust, im Feuilleton darf der für Kunstkram und anderes Gedöns zuständige Pop-Redakteur mit leichter Hand über das Revival des europäischen Free Jazz oder den Hipness-Faktor bunter Hawaii-Hemden philosophieren.

Der »jungen Welt« ist in den letzten 15 Jahren ein gewaltiges Kunststück gelungen: ihre Leser zu konditionieren und so als kleine Nischenzeitung zu überleben. Wenn der Leser bei der Lektüre des Politikteils die Faust in der Tasche ballt und all seine Gewissheiten darüber, wer der Feind ist und wo dieser steht, bestätigt bekommt, ist das Ziel erreicht: Zeitunglesen wird gepflegt als tägliche Wiederauffrischung des unumstößlichen eigenen Glaubensbekenntnisses. Sag mir, wo du stehst und welchen Weg du gehst. Zwischentöne sind nur Krampf im Klassenkampf. Man kann sich bei der Lektüre zuweilen nur schwer des Eindrucks erwehren, dass nicht mehr die Auseinandersetzung mit einer ebenso vielfältigen wie unübersichtlichen, verstörenden Welt zählt, sondern die beständige Beschwörung des Dogmas: Wir sind die Guten, und wir wissen, wo die Bösen sitzen.

Der Vorteil für treue Leser liegt auf der Hand: Man muss keine Angst haben, von einem neuen Gedanken überrascht zu werden. Ein wie auch immer gearteter linker Pluralismus ist weitgehend aus dem Blatt getilgt. Was blieb: eine mal mehr, mal weniger gut geölte Nachrichtenmaschine von links, die antikapitalistische Agitation betreibt.

Nach 1989 war die »junge Welt« einer wechselvollen Geschichte unterworfen: 1993 - die Auflage der 1947 als FDJ-Organ gegründeten Zeitung befand sich im freien Fall - hatte man kurzzeitig Hermann L. Gremliza, den Herausgeber der Monatszeitschrift »Konkret«, als Berater angeworben. Aus der sozialdemokratisch-braven »jungen Welt« sollte mit seiner Hilfe eine neue Art Tageszeitung entstehen: bekennend linksradikal und dennoch die zahlreichen Dummheiten der Linken kritisch betrachtend, ihre alten Gewissheiten infragestellend, Neuem gegenüber aufgeschlossen, hedonistisch und selbstironisch, dogmenfrei, hergestellt von Ost- wie Westredakteuren, den abgestumpften Geist einer ermüdeten Linken belebend. Und: überaus mutig beim Entwurf von Schlagzeilen: »Rucksackdeutsche haben den Ranzen noch nicht voll«, hieß es auf der Titelseite, wenn die Vertriebenenverbände mal wieder revanchistische Ansprüche anmeldeten.

Und als einige ostdeutsche Grünen-Politiker aus Enttäuschung über den Kurs ihrer Partei öffentlichkeitswirksam in die CDU eintraten, titelte die »junge Welt« ebenso hämisch wie treffsicher: »CDU recycelt Ost-Flaschen«. Poplinke Hipster, anarchistische Hausbesetzerstruppis und Satiriker aus dem Umfeld der Neuen Frankfurter Schule schrieben damals Seit’ an Seit’ mit Antiimperialisten, Neostalinisten, Friedensbewegten und kritisch gebliebenen Grünen.

Eine Zeit lang ging das Konzept gut, links vom »nd« und einer von vielen als bräsig empfundenen »taz« eine Tageszeitung anzusiedeln. »Dogmatisch, aber mit leichter Hand«, lautete damals ein selbstironischer Werbeslogan des einstigen DDR-Blattes. Die »taz«, die Mitte der neunziger Jahre die bevorstehende Regierungsbeteiligung der Grünen vorbereitete und publizistisch begleitete, hatte ihren einstigen Anspruch, Forum und Sprachrohr einer kritischen, linken Gegenöffentlichkeit sein zu wollen, leise zu den Akten gelegt und war mit ihrer Leserschaft in der damals sogenannten »Neuen Mitte« der bundesdeutschen Gesellschaft angekommen, wo evangelische Religionslehrerinnen gemeinsam mit Öko-Architekten fair gehandelten Roibooshtee tranken.

1997 war Schluss mit der Perestroika in der »jungen Welt«. Nach einem schweren redaktionsinternen Krach um die publizistische Ausrichtung setzte sich der Geschäftsführer des Blattes, Dietmar Koschmieder, durch und brachte es auf Linie. Der lustige Wildwuchs auf den Zeitungsseiten sollte beschnitten werden. Einige Redakteure gründeten kurz darauf die linke Wochenzeitung »Jungle World«.

Dennoch ist das Blatt, trotz geringer Leserschaft, ein erstaunliches Phänomen auf dem Zeitungsmarkt. Auf, auf zum nächsten DKP-Parteitag! Vorwärts immer, rückwärts nimmer. Glückwunsch, »junge Welt«.

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