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Von Günter Agde 11.02.2012 / Feuilleton
Berlinale 2012

Mein Tagebuch (3)

Retrospektive

»Gibel sensazii« (Untergang der Sensationen, 1935, Andrijewski) ist ein Science-Fiction-Film der besonderen Art. Die klassische Klassenkampf-Situation in einem anonymen kapitalistischen Land: Industriearbeiter gegen Fabrikbesitzer. Ein Ingenieur erfindet einen Roboter, der alles kann, vor allem auf Befehl arbeiten. Die Arbeiter freilich sehen die Gefahren für ihre Arbeitsplätze. Die Konfrontation eskaliert.

Ein frühes und für Meschrabpom-Film einzigartiges Beispiel einer opulenten Kinoerzählung zwischen Utopie, Melancholie und Pamphlet. Nach der Liquidierung des Studios 1936 verschwand der Film im Archiv. Kleine Fußnote der Filmgeschichte: Regisseur Aleksandr Andrijewski arbeitete ab 1946 als Direktionsmitglied der DEFA-Leitung in Babelsberg, seinen Film zeigte er hier nicht.

»Wosstanije rybakow« (Aufstand der Fischer, 1934, Piscator). Stoffe mit scharfen sozialen Konflikten gehörten zum Programm von Meschrabpom-Film. Der Titel ist wörtlich zu nehmen: Hochseefischer machen einen Aufstand gegen Unternehmer, weil sie mehr Lohn für ihre mühselige Arbeit haben wollen. Expressive Bilder vom ärmlichen Leben in einem Fischerdorf mit einer schäbigen Kneipe als Kommunikationszentrum. Dort wohnt auch eine junge, vielbegehrte Frau, die zusätzliche Verwirrungen unter die Männer bringt. Die Beerdigung eines Opfers wird zur opulent inszenierten Massenaktion der Fischer, bei der die karge Landschaft und die bizarren Bauten mitspielen. Deutsche Erstaufführung der wieder aufgefundenen stummen Fassung. - Zwei erst kürzlich entdeckte Musiknummern, die Hanns Eisler für den Film schrieb und die seinerzeit nicht verwendet wurden, werden uraufgeführt.

»Ledolom« (Eisgang, 1931, Barnet). Ein Film über den Widerspruch zwischen der staatlichen Entkulakisierungskampagne und der Solidarität einer in sich zerrissenen Dorfgemeinschaft. Der unbarmherzige Kampf kostet bittere Opfer. Da tröstet die bescheidene Emanzipation der weiblichen Hauptfigur und ledigen Mutter Anka nur wenig. Die expressiven Bilder und extrem dynamischen Ensemble-Szenen nehmen die ganze Härte der Auseinandersetzungen auf. Das seltene Beispiel eines sowjetischen Films, in dem ein barbarischer sozialer Vorgang in expressive Bildsprache umgesetzt wurde, die jede Harmonie zum Phantom macht.

»Gibel sensazii«: Cinemaxx 8, Samstag, 11.2., 21.30 Uhr

»Wosstanije rybakow«: Cinemaxx 8, So, 12.2., 11.30 Uhr

(Wiederholung: Cinemaxx 8, Dienstag,14.2., 19.00 Uhr)

»Ledolom«: Cinemaxx 8, Samstag, 11.2., 14.00 Uhr

(Wiederholung: Sa, 18.2., 16.00 Uhr Zeughauskino)

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

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26.05.2012 | Marcus Meier

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