Von Gunnar Decker
11.02.2012
Berlinale 2012

Afrikanischer Opfergang

Wettbewerb: »Aujourd'hui« von Alain Gomis

Revolution betrifft ja immer zweierlei: die alte und die neue Ordnung. Das war bereits das Thema des Berlinale-Eröffnungsfilms »Leb‘ wohl, meine Königin«. Hoffnung auf Zukunft wächst mitten in einer alten absterbenden Ordnung. So möchten es jedenfalls die Revolutionäre aller Zeiten gern sehen. Aber es bleibt ein Drama: Zwei Welten konkurrieren miteinander. Darum geht es auch im senegalesischen Wettbewerbsbeitrag »Aujourd'hui«.

Dies ist ein Film über den Opfergang eines jungen Mannes. Heute noch soll er sterben. Ein wahrhaft anachronistisches Thema, jedenfalls auf den ersten Blick. Das verstört nicht nur, das macht am Ende auch ratlos. Wie sehen eine Familienszene, herzliche Begrüßungen, Danksagungen, Reden auf den guten Sohn, Bruder und Ehemann, ab und zu mischen sich Tränen darunter. Man ist gerührt. Als Zuschauer will man erst nicht glauben, was sich nach und nach herausstellt: Satché (auf sprechende Weise hermetisch: Saul Williams) soll in einem Ritual den Göttern geopfert werden. Das hier ist ein Fest und alle sind stolz auf Satché, den anscheinend niemand gefragt hat, ob er gern der Stolz seiner Familie sein will. Ein toter Sohn, aber ein unsterblicher Held. Man ist verblüfft, aber Regisseur Alain Gomis weiß es sicherlich besser als wir, was die Menschen in seiner Heimat denken und fühlen. Und so bleibt dem Zuschauer nichts anderes übrig, als dem letzten Tag im Leben Satchés zuzuschauen.

Jedes Opferpathos provoziert uns Erben der Aufklärung, und damit ist noch nicht einmal das religiöse Menschenopfer gemeint. Es ist anzunehmen, dass auch Regisseur Alain Gomis weiß, welch ein Tabu der westlichen Welt er hier verletzt. Und dennoch mutet er uns dies zu. Ganz bewusst dreht er die Handlung vieler afrikanischer Filme um, in denen es häufig um die Entscheidung geht, auszuwandern, Afrika zurückzulassen. Für immer? Auch Satché hat in den USA studiert und ist nach Senegal zurückgekehrt - um nun hier zu sterben? Ist das alles, was die Heimat von ihm verlangt, dass er sich opfert für ein archaisches Ritual, puren Aberglauben also? Darf er, der es besser weiß, sein Leben so wegwerfen? Weshalb er geopfert werden soll und was das für ein Ritual ist, erfahren wird nicht. Wir begleiten Satché an diesem letzten Tag seines Lebens, ein Flaneur, der alles wie neu sieht - und doch Abschied nimmt.

Auch Senegal ist ein zerrissenes Land. Basare und moderne Geschäfte, magische Rituale und Computer, sehr arm und sehr reich - hier liegt alles dicht beieinander. Zuletzt ist es immer die Frage nach der Identität. Gehört man denn nicht zu den Verlierern der Globalisierung? Satché, so beginne ich zu ahnen, wird zum Symbol für eine junge Generation von afrikanischen Intellektuellen, die den Westen genau kennen. Dennoch wollen sie dort nicht bleiben. Aber auch in der Heimat sind sie zu Fremden geworden. Indem Satché sich opfert, kehrt er heim. Allerdings, alles in mir wehrt sich gegen diese Logik, die zweifellos verkehrt ist. Und auch einige von den Senegalesen, die ihm auf seinem letzten Spaziergang begegnen, fassen sich entsetzt an den Kopf. Auch Satché hält seinen näher rückenden Tod für sinnlos - aber er fügt sich der Tradition.

Regisseur Gomis beobachtet Satché wie unter einem Mikroskop. Der Film scheint ein Experiment: Wann endlich wird er revoltieren, sich gegen seine geplante Ermordung wehren? Nein, er empört sich nicht gegen das ihm vorbestimmte Schicksal. Er versteht zu viel, nur einmal fragt er den Leichenwäscher, den er besucht: »Warum ich?« Das, so sagt dieser ihm, sei eine abwegige Frage, die man nicht stellen dürfe. Satché trifft viele Menschen an diesem letzten Tag, er wird beglückwünscht, erhält Geschenke für die Familie, die in einem großen Sack hinter ihm hergetragen werden - eine bizarre Szenerie, gerade auch in ihrer Banalität. Dass er sein Leben in wenigen Stunden ganz unnötigerweise verlieren wird, scheint hier niemanden zu berühren. Mitleid gibt es nicht, sein Tod ist schließlich eine Ehre. In diesem schweigsamen Film dominieren die Alltagsgeräusche. Daraus bezieht er seine poetische Kraft, die etwas anderes ist als moralische Zustimmung.

Satché, jung und ansehnlich, wie der da in seinem rotem Hemd und immer wieder bitterem Lächeln durch die Straßen geht, wirkt plötzlich wie ein moderner Stoiker. Ernst Jünger bezeichnete diesen als jemanden, der die äußeren Rituale beibehalte, jedoch unter Verweigerung der inneren Anteilnahme. Das deutet auf einen Zeit im Übergang hin. Denn auf den Straßen herrscht Revolte, Brandsätze fliegen und Polizisten prügeln Demonstranten. Dann, einige Häuserecken weiter, ist wieder nur Stille. Noch scheint alles nicht unumgänglich, Satché bräuchte nicht einmal wegzulaufen, nur deutlich »Nein« zu sagen und der Spuk vom Opfertod wäre vorbei. Aber er tut es nicht.

Alain Gomis behält seine Rolle als bildmächtiger Chronist dieses afrikanischen Landes bei. Fast wie Brecht, der sich bekanntlich ebenfalls jeder Wertung des Tuns der Mutter Courage enthält, überlässt es auch dieser senegalesische Regisseur ganz dem Zuschauer, über das zu urteilen, was er sieht.

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