Die Entscheidung ist eindeutig. Mit vier gegen eine Stimme hat die US-Kernkraftaufsichtsbehörde NRC am Donnerstag grünes Licht für den Bau eines Atomkraftwerks gegeben. Damit kann das Energieunternehmen Southern Company zwei neue Reaktoren auf dem Gelände des Kernkraftwerks Alvin W. Vogtle bei Augusta im Bundesstaat Georgia bauen. Dort sind bereits zwei Reaktoren in Betrieb.
Ausgerechnet Behördenchef Gregory Jaczko stellte sich gegen seine Kollegen. Southern habe mögliche Gefahren nicht angemessen berücksichtigt, die beim Reaktorunfall im japanischen Fukushima sichtbar geworden seien. »Ich kann diese Bewilligung nicht unterstützen, als habe Fukushima nie stattgefunden.«
Jaczko, der 2011 auch die japanischen Behörden für ihren Umgang mit dem Reaktorunfall kritisiert hatte, war von Präsident Barack Obama ernannt worden. Doch das Weiße Haus unterstützte den Antrag von Southern. Obama, der im November wiedergewählt werden will, hat sich die Erhöhung der Energieproduktion zum Ziel gesetzt. Die Regierung gab Sou-thern eine Kreditgarantie von 8,3 Milliarden Dollar (6,3 Milliarden Euro) für das Projekt.
Befürworter der Entscheidung hatten damit geworben, dass die beiden Reaktoren die Abhängigkeit der USA von Energieeinfuhren verringerten. Der Bau würde 5000 Bauarbeitern vorübergehend und Tausenden Arbeitern anschließend dauernd Lohn und Brot geben. Southern will die Reaktoren bis 2017 fertigstellen. Sie sollen 14 Milliarden Dollar kosten. Für Vorbereitungen hat Southern bereits vier Milliarden Dollar ausgegeben.
Der Konzern will einen neuen Reaktortyp des US-Herstellers Westinghouse einsetzen. Nach dessen Angaben soll der Druckwasserreaktor vom Typ A1000 gegen Erdbeben und Stromausfälle sicher sein - die Ursachen der Katastrophe von Fukushima. Die Wassertanks sind direkt über den Reaktoren angebracht, um diese im Notfall sofort kühlen zu können. Ein Mantel aus mehreren Schichten soll verhindern, dass Radioaktivität freigesetzt werden kann.
Die US-Energiewirtschaft beobachtet die Diskussionen aufmerksam. Denn es ist das erste Mal seit 1978, dass die NRC grünes Licht für Reaktoren gibt. Der Unfall im Kraftwerk Three Mile Island in Pennsylvania, als es zu einer teilweisen Kernschmelze kam, hatte neue Zulassungen gestoppt. Nun hofft die Wirtschaft auf eine Renaissance der Atomkraft.
Auch die Republikaner begrüßten die Entscheidung: Die NRC solle nun auch die 14 anderen Anträge für den Bau neuer Reaktoren bewilligen. »Unser Land braucht hundert neue Reaktoren, um genug verlässlichen, sauberen Strom zu produzieren, der unsere Wohnungen, Unternehmen, Computer und Autos antreiben soll«, erklärte Lamar Alexander, republikanischer Senator von Tennessee.
Noch ist der Bau nicht sicher: Umweltorganisation haben Klagen angekündigt. »Der Schutt in Japan ist noch nicht abgekühlt, und schon gibt die NRC die Genehmigung für den Bau eines neuen, noch nicht getesteten Reaktortyps«, sagte Stephen Smith, Direktor der Southern Alliance for Clean Energy, eines Zusammenschlusses von acht Umweltorganisationen.
Anwohner stellen ebenfalls kritische Fragen - obwohl Kraftwerksbetreiber Southern für 70 Prozent der Gewerbesteuereinnahmen in der Gegend steht. Doch laut Pastor Willie Tomlin von der Baptistenkirche in Waynesboro sind die Anwohner beunruhigt wegen eines Anstiegs der Krebserkrankungen in der Region. »Für uns ist das ein trauriger Tag«, sagte er. »Seit die ersten beiden Reaktoren ans Netz gegangen sind, sind immer mehr Menschen hier an Krebs erkrankt.«
Bei diesem Reaktortyp dient normales Wasser sowohl zur Kühlung der Brennstäbe als auch als Neutronenbremse (Moderator). Wegen des hohen Drucks siedet das Wasser nicht, es entsteht bei normalen Betriebsbedingungen kein Dampf. Das erhitzte Wasser des Primärkreislaufs gibt Wärme an einen zweiten Kreislauf ab, der so frei von radioaktiven Partikeln bleibt. grg
Aktuelle Ausgabe: 26.05.2012
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