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Von Charlotte Noblet 11.02.2012 / Berlinale

"Indignados": Bunte Bilder einer Revolution – und dann?

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Ständig unterwegs, das Schicksal einer illegalen Einwanderin (Mamebetty Honore Diallo)
Steife Straßen, starker Regen und grauer Himmel: Niemand ist zu sehen. Doch auf einmal bricht die Stille: Orangen fallen die Straßen runter. Es sind mehr und mehr bunte Orangen. Sie werden immer lauter. Wir sind im Tunisien, Januar 2011: Der Regisseur Tony Gatlif erinnert an den Gemüsehändler Mohamed Bouazizi, der sich vor einem Monat angezündet hatte.

Die Musik wird lauter: Wir sind jetzt auf den Pariser Straßen, leere Bettstellen ziehen nacheinander an die Kamera vorbei. Wegschauen ist nicht möglich, aber schon geht die Kamera weiter, bei den Protestbewegungen "real democracy" am Opéra Bastille. Die Zuschauer blicken auf Frankreich mit den Augen einer jungen Straßenfrau: Die französischen Medien schreiben nur noch über die Krise, die Stimmung ist mies, Diktatur der Finanzmärkte statt Frieden und Demokratie.

Zwischendurch werden Zitate aus dem Büchlein "Empört Euch!" von Stéphane Hessel auf die Leinwand gesprayt: Schließlich sollte der Film eine Verlängerung des Bestsellers sein.

Geschnappt: Die junge illegale Einwanderin wird nach Griechenland geschickt, da sind ihre Fingerabdrücke gefunden worden. Wir sind in Patras, einer Stadt im Kriegszustand: Tausende Flüchlinge, Aufenhaltsgenehmigung, Abschiebung, Gewalt. In dieser Zeit gehen in Athen die Bürger auf die Straßen. Die Musik wirkt betäubend. Die junge Betty zieht nach Spanien weiter: Puerta del Sol in Madrid. Da demonstriert eine Menge junger Leute. Die Sonne scheint, alles ist bunt, Musik inklusiv. Betty wirft ihre Tasche weg und läuft mit. Aber wohin?

Der Film zeigt viele Bilder aus der Bewegung "Indignados". Die Menschen sind wahr und fröhlich, die Trommel laut. Die Kamera springt von einem Thema zum anderen, von einem Ort zum anderen. Vieles wird zwischendurch inszeniert. Eine Dose rollt und rollt zum Beispiel auf die Straßen, ganz allein: Symbol der Konsumgesellschaft auf der Suche nach dem Lebenssinn oder Irrfahrt und Einsamkeit der illegalen Einwanderern Europas?

Die Botschaft des Filmes ist nicht klar. Geht es um eine Würdigung, vielleicht sogar um einen Aufruf zur gewaltfreie Revolution? Es ist aber keine Doku. Ist es dann eine Widerspiegelung unserer Zeit, welche wir den nächsten Generationen gerne zeigen werden? Es ist aber keine Doku.
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Von l. nach r.: Stéphane Hessel, Delphine Mantoulet, Mamebetty Honore Diallo, Isabel Vendrell Cortès, Tony Gatlif.

Viel interessanter als der Film selbst: Das anschliessende Gespräch

"Ich wollte unbedingt einen Film über das Buch von Stéphane Hessel drehen", erzählt Tony Gatlif. "Die Dreharbeiten hatten schon im Januar 2011 begonnen, also vor der "Occupy"- und "Indignados"-Bewegungen. Es war sozusagen mein Glück, dass junge Leute mit den Worten von "Empört Euch" im Frühling auf die Straßen gegangen sind." Das Engagement des Regisseurs läßt sich spüren: "Alles ging schnell, wir wollten dabei sein."

Das gleiche Gefühl äußerten die Protagonistinnen. Mamebetty Honoré-Diallo, genauso wie ihre Figur Betty im Film, empört sich über die Situation im griechischen Hafen Patras: "Integre Personen kommen nach Europa für ein besseres Leben. Sie haben Familie und Heimat mutig verlassen und was bekommen sie hier? Prekarität und Gewalt. In Patras wurden nämlich die Menschen richtig geschlagen", erzählt sie. "Illegale Einwanderer werden eingesperrt, sie können nicht nach vorn, aber auch nicht zurück. Hoffentlich wird diese alarmierende Situation den Zuschauern bewußt."

Interaktion mit anwesenden Journalisten wird gesucht

"Tony hat sich der Realität zur Verfügung gestellt und tut damit dem Kinofilm gut, weil die andere Medien nicht mehr im Dienst der Realität sind", sagt die spanische Protagonistin Isabel Vendrell Cortès und schaut zu den Kameramännern: "Es ist sehr schade, besonders wenn so viele Menschen die Realität nur durch ihr Bildschirm beobachten!"

Hessel, revolutionärer Priester

Stéphane Hessel ist auch da, spielt wunderbar seine Rolle des beliebten alten Weisen und predigt in Englisch, Deutsch und Französisch: "Die Werte des Widerstandes und der Menschenrechte sollten nicht vergewaltätigt sondern respektiert werden." Wir sind aber nicht in der Kirche, eher in der Schule, wo der Lehrer sein Publikum auch anspricht: "Darum sollten wir beginnen, die Welt gemeinsam zu ändern." Mit lächelnden Augen gibt Stéphane Hessel jedem Kraft und tut er es anscheinend sehr gerne: "Empört Euch und Engagiert Euch!" … "and buy my little book!"

Der Film bei der Berlinale:
http://www.berlinale.de/external/de/filmarchiv/doku_pdf/20126540.pdf

Trailer:

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

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