Von Marc Engelhardt, Genf
14.02.2012

Tödlicher Elektroschrott für Afrika

Europa entledigt sich nach UN-Studie neben alten Geräten auch massenweise seines Sondermülls

Vom Verkauf gebrauchter Elektrogeräte nach Afrika profitieren auch viele deutsche Firmen. Das Geschäft ist lukrativ - nicht zuletzt deshalb, weil den Lieferungen massenhaft giftiger Elektroschrott beigemischt wird, wie eine aktuelle UN-Studie zeigt.
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Eine Dokumentation von »Die Presse« zeigt die größte Elektroschrotthalde Afrikas im ghanaischen Agbobloshie, einer Müllkippe in der Hauptstadt Accra.

Die Luft ist erfüllt vom anhaltenden Hämmern. Hier schraubt ein Mann auf offener Straße einen alten Röhrenfernseher auseinander, dort lagern mehr als zwanzig türlose Kühlschränke vor einer Lehmhütte. Der Wind weht stinkende Rauchschwaden von einer nahe gelegenen Deponie herüber. Das Ikeja Computer Village ist eine Fusion aus Open-Air-Fabrik, Markt und Slum im Norden von Nigerias Millionenmetropole Lagos. Von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang herrscht hier Betrieb, sieben Tage die Woche.

Wer gebrauchte Handys, Fernseher, Computer oder Küchengeräte kaufen oder verkaufen will, den führt sein Weg zwangsläufig hierher. Im Angebot haben die Händler von Ikeja all das, was in Europas Konsumgesellschaft nicht mehr angesagt ist. Selbst alte Pentium-Rechner bringen in Lagos noch mehr als 100 Euro, ein alter Röhrenfernseher gut die Hälfte. In Europa wären sie - ebenso wie Handys der vorletzten Jahreskollektion - unverkäuflich.

Das Geschäft mit den Altgeräten boomt. Gut 230 000 Tonnen gebrauchter Elektronik sind einer aktuellen Studie im Auftrag der Basler Konvention und des UN-Umweltprogramms (UNEP) zufolge allein 2009 in die fünf westafrikanischen Länder Nigeria, Ghana, Liberia, Benin und Elfenbeinküste exportiert worden. In Accra und Lagos, wo die mit Abstand größte Menge umgeschlagen wird, beschäftigt der Sektor mehr als 30 000 Menschen. Doch von einer Erfolgsgeschichte kann dennoch nicht die Rede sein.

Denn zusammen mit der nutzbaren Altelektronik landen tonnenweise Schrott und Sondermüll in Afrika, dessen fachgerechte Entsorgung in Europa teuer bezahlt werden müsste. Fast jedes dritte nach Ghana und Nigeria verschiffte Gebrauchtgerät, so das Ergebnis der Studie, war nicht mehr funktionsfähig und hätte deshalb als Elektromüll deklariert werden müssen. In der Côte d'Ivoire lag die Quote sogar bei 50 Prozent. Hafenbehörden in Antwerpen und Rotterdam gaben den Autoren gegenüber zu, nicht die Kapazität zu haben, um die massenhaft ausgeführten Container zu untersuchen.

Etwa 800 Computer passen in einen Schiffscontainer, weiß der nigerianische Umweltschützer Olayemi Adesanya. Die Verschiffung kostet einige tausend Euro - beim derzeitigen Kurs macht also der Verkauf eines Bruchteils der Rechner die Transportkosten wieder wett. »Und dann kommen skrupellose Händler aus den Industrieländern und machen ihren Geschäftspartnern in Nigeria das Angebot: 400 gute Rechner kannst Du haben, wenn Du auch 400 Schrottgeräte nimmst.« Ein Geschäft, das sich angesichts der in ganz Westafrika fehlenden Gesetzgebung lohnt.

Zu denen, die mit alten Elektrogeräten in Westafrika satte Gewinne machen, gehören auch deutsche Händler. Nach den ehemaligen Kolonialmächten Großbritannien und Frankreich nimmt Deutschland Platz drei in der Liste der Exporteure ein. Beim Handel mit gebrauchten Fernsehern und Monitoren schickt die Bundesrepublik sich an, Spitzenreiter zu werden. Deutschland ist zudem einer der größten Exporteure von Gebrauchtwagen nach Westafrika, die vor der Verschiffung mit Elektrogeräten vollgeladen werden.

Der unverkäufliche Schrott landet auf Müllkippen wie in Ikeja. Hier lagern die rauchenden Überreste des digitalen Equipments in einem ehemaligen Feuchtgebiet, so weit das Auge reicht. Aus den funktionslosen Geräten Kupfer, Stahl und Aluminium herauszulösen, ist die Arbeit der Ärmsten. Viele von ihnen sind Einwanderer aus dem Norden Nigerias oder aus den angrenzenden Sahelstaaten. Wenn mit Hammer und Messer nichts mehr zu machen ist, zünden die Müllsammler die Geräte an, um das Metall zu verflüssigen. Jim Puckett, dem Direktor des Basel Aktionsnetzwerks, haben sich die Bilder förmlich eingebrannt: »Kinder laufen barfuß auf der Suche nach irgendetwas Verwertbarem durch die schwelende Masse und atmen Dämpfe aus Dioxinen und Furanen ein.«

Besonders gefährlich sind die alten Geräte, weil sie aus einer komplexen Mixtur unterschiedlicher Materialien bestehen. Ein Mobiltelefon besteht aus 500 bis 1000 Komponenten. Viele davon enthalten giftige Schwermetalle, Chemikalien und PVC. Mehr als 60 Prozent aller Altbatterien stecken heute bereits in Mobiltelefonen. Zwar verbietet die vor zwanzig Jahren in Kraft getretene Basler Konvention den Export von Giftmüll in Entwicklungsländer. Doch dieses Verbot tricksen findige Händler durch die Deklaration des Mülls als Handelsware aus.

Als Konsequenz aus seiner Studie fordert UNEP schärfere Kontrollen in den Ausgangshäfen, aber auch den Aufbau geregelter Recycling- und Entsorgungsstrukturen in Afrika. »Afrikas Wirtschaft kann von einer geregelten Entsorgungswirtschaft profitieren«, glaubt UNEP-Leiter Achim Steiner. »Nachhaltiges Management von Elektronikschrott würde Arbeitsplätze schaffen und die Umwelt schützen«, meint er. Denn, so ein weiteres Ergebnis der Studie: Längst kommt nicht mehr der gesamte Elektroschrott aus Europa. Ein wachsender Anteil stammt aus den westafrikanischen Ländern selbst - auch deshalb, weil Gebrauchtgeräte eine kürzere Lebensdauer haben als neue. Derzeit fallen jährlich zwischen 650 000 und einer Million Tonnen Elektroschrott in Westafrika an, ohne fachgerecht entsorgt zu werden.

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