Boris Bugajew (1880-1934), Sohn eines Moskauer Mathematikprofessors, nannte sich als Schriftsteller Andrej Belyj. Mit Gedichten, der sprachgewaltigen Romangroteske »Petersburg« und dem spirituellen Bewusstseinsprotokoll »Kotik Letajew«, auch durch die Freundschaft mit Alexander Blok, dessen Frau seine Geliebte war, wurde Belyj zu einem der bekanntesten russischen Symbolisten.
In Russland interessierte er sich für die theosophischen Ideen von Jelena Blawatskaja. In Köln lernte er 1912 den Anthroposophen Rudolf Steiner kennen, mit dem ihn vor allem die Idee der »Verwandlung« des Menschen und des Lebens verband. Gemeinsam mit der Malerin Assja Turgenjewa, seiner ersten Frau, nahm er 1914/16 in Dornach bei Basel an der Errichtung des Goetheanums, Steiners »Tempel des freien Geistes«, teil. 1915 verfasste er die Studie »Rudolf Steiner und Goethe in der Weltanschauung der Gegenwart«. Da Assja sich völlig den anthroposophischen Exerzitien verschrieb, kehrte Belyj allein in die Heimat zurück. 1919 gründete er in Petersburg die »Freie Philosophische Assoziation«. Während eines Berlinaufenthalts 1921/23 gab Assja ihm endgültig den Laufpass. Belyj suchte seinen Kummer im Rausch und im ekstatischen Foxtrott zu betäuben und erfand das Wort »pragerdilstwowatj« (in der »Prager Diele« bei Kognak und blauem Dunst philosophieren).
Wieder in Russland, scheiterte Belyjs Versuch, zusammen mit Klawdija Wassiljewa, seiner zweiten Frau, anthroposophisches Gedankengut zu verbreiten. Da er die Darstellung des »Doktors« in den »Aufzeichnungen eines Sonderlings« (1922) für unzureichend hielt, nahm er Anlauf zu einer umfassenderen Würdigung Steiners. In den Berlinskizzen »Im Reich der Schatten« (1924) machten sich Skepsis und Zweifel breit. Positiver fielen die »Erinnerungen an Rudolf Steiner« aus, die er 1928/29 in Kutschino bei Moskau schrieb. Sie erschienen 1982 in russischer Sprache in Paris.
Dieses einzige Erinnerungsbuch eines großen Schriftstellers an Rudolf Steiner übersetzte Swetlana Geier 1975 unter dem Titel »Verwandeln des Lebens« für den Baseler Verlag Zbinden. Für die vorliegende Neuausgabe wurde ihre Übertragung der heutigen Rechtschreibung angepasst und durch bisher fehlende Motti und Fußnoten ergänzt. Die Anmerkungen und das Personenregister wurden erweitert. Wenzel Michael Götte, Professor für Waldorfpädagogik, steuerte ein Nachwort bei.
Belyj schildert Steiners Wirken, den Menschen, den Vortragenden und Pädagogen, die Schüler (einer von ihnen war Christian Morgenstern), die Verhältnisse in Dornach und Steiners Christologie. Belyj sieht in ihm »eine außerordentliche Erscheinung«, in der die »konkrete Anthroposophie völlig verkörpert war«. Enthusiastisch notiert er: »Steiner und das Ehepaar Morgenstern erschienen mir wie die Zukunft der Menschheit ..., wie Gestalten aus den Bildern Raffaels, die aus dem Rahmen des Dresdener Museums herabgestiegen waren!«
Ohne aus dem Lehrer einen Heiligen zu machen, greift Belyj bei der Einschätzung Steiners immer wieder zu Superlativen: »Als Erkenntnistheoretiker öffnet Steiner die Tür zur Zukunft.« »Überall, wohin er kam, brachte er sein eigenes Tempo mit, bei dem mir der Kopf regelrecht schwindelte.« »Die Macht seiner Worte war so überwältigend, dass viele seiner Zuhörer dabei zusammenklappten.« »Steiner war - alles.«
Marina Zwetajewa, der Andrej Belyj 1922 in Berlin begegnete, nannte ihn einen »gefangenen Geist«. Sein Pseudonym wertete sie als eine Absage an den Vater, den Glauben und alle Wurzeln. Und sie fragte: »War es nicht das, was Andrej Belyj bei Doktor Steiner suchte, war es nicht der Vater, in ihm den irdischen Beschützer wie auch den himmlischen Fürsprecher vereinend, von denen - beiden - er sich in der Morgenfrische seiner Tage so inbrünstig und wagemutig losgesagt hatte?«
Andrej Belyj: Verwandeln des Lebens. Erinnerungen an Rudolf Steiner. Aus dem Russischen von Swetlana Geier. Herausgegeben von Taja Gut. Futurum Verlag. 470 S., geb., 24,80 €.
Aktuelle Ausgabe: 26.05.2012
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