Prävention ist das Zauberwort, mit dem die Bundesregierung künftig gegen Drogen- und Suchtprobleme vorgehen will. »Wir wollen die Frühintervention ausbauen«, erklärte die Drogenbeauftragte Mechthild Dyckmans vor der Bundespressekonferenz in Berlin. In der gestern vom Kabinett beschlossenen Strategie zur Drogen- und Suchtpolitik sei auch der zunehmende gleichzeitige Konsum mehrerer illegaler Stoffe sowie neuer synthetischer Drogen berücksichtigt worden.
Die neue Strategie löst den Aktionsplan Drogen und Sucht aus dem Jahr 2003 ab. Offiziell wird verlautbart, dass die Projekte der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung erweitert werden sollen. Künftig wird nicht nur in Schulen und Jugendeinrichtungen, sondern auch in Betrieben mehr über die Auswirkungen von Drogenkonsum gesprochen. Zudem ist eine Unterstützung für Eltern und Ärzte vorgesehen, damit diese Risiken frühzeitig erkennen.
Allerdings leidet die Suchtprävention unter Mittelkürzungen. Die Regierung stellt der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hierfür 7,25 Millionen Euro jährlich zur Verfügung. »Der Haushalt wurde um rund eine Million Euro gekürzt«, sagte Dyckmans. Das Bundesgesundheitsministerium erhält noch etwa fünf Millionen Euro für Forschung und Modellprojekte.
Dabei werden die Gelder dringend benötigt. Etwa für ältere Menschen, die von der Regierung neben Kindern und Jugendlichen, Schwangeren sowie Migranten als Risikogruppe eingeschätzt werden. Nach Angaben von Dyckmans sind rund 400 000 über 60-Jährige alkoholsüchtig. Hinzu komme oft bei älteren Frauen eine Medikamentensucht. »Ursache hierfür ist häufig Vereinsamung«, sagte die FDP-Politikerin. Um diese Probleme einzudämmen, müssten Altenpflege und Suchthilfe stärker miteinander kooperieren.
Ein neues Phänomen ist die Internetsucht. Als süchtig gilt, wer zusätzlich zur Arbeit oder Schule mehr als 35 Stunden in der Woche im Internet surft. Die Bundesregierung warnt, dies könne in extremen Fällen zum Verlust der Selbstkontrolle führen. Laut Dyckmans gehen neue Studien von etwa 565 000 Internetabhängigen aus. Besonders stark betroffen sind demnach die 14- bis 24-Jährigen. Die Onlinesucht ist aber noch nicht als eigene Krankheit anerkannt. In der Strategie heißt es hierzu nur schwammig, man setze auf die »Stärkung der Medienkompetenz bei Jugendlichen« sowie auf »Unterstützungsangebote für Eltern und Lehrer«.
Für Unstimmigkeiten im Bundeskabinett sorgte offenbar die Frage, ob künftig die Außen- und Kinowerbung für Tabakprodukte verboten werden soll. Dies hatte Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) gefordert. Auch Dyckmans ist eine Befürworterin der Verbotspläne. Diese scheiterten jedoch am Widerstand aus dem Kanzleramt und dem von FDP-Chef Philipp Rösler geführten Wirtschaftsministerium.
Kritik an der Regierungsstrategie kam von der Linkspartei. Der drogenpolitische Sprecher der Fraktion, Frank Tempel, forderte »ein grundlegendes Umdenken in der Drogenpolitik«. Konsumenten würden am besten für Präventions- und Aufklärungskampagnen erreicht, indem man sie nicht vorab kriminalisiere, so wie das bisher der Fall sei.
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