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Von Gregor Putensen 17.02.2012 / Europa

Zehn Jahre länger arbeiten?

Schwedens Premier will Renteneintritt heraufsetzen - und erntet Zustimmung von Amtskollegen

Mit Plänen zur drastischen Heraufsetzung des Rentenalters stieß Schwedens Regierungschef Fredrik Reinfeldt beim »Nordic Future Forum« auf offene Ohren. Gewerkschaften und Arbeitnehmervertretungen sehen das endgültige Ende des schwedischen Sozialmodells.

Schwedens Ministerpräsident Fredrik Reinfeldt von der konser-vativen Moderaten Sammlungspartei glaubte sich durch die seit dem Spätherbst vorigen Jahres andauernde Führungskrise in der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SAP) weitgehend aus den Medien verdrängt. Dieses Manko hat er nun auf spektakuläre Weise durch ein Interview mit »Dagens Nyheter« wettgemacht. Darin plädierte er für ein »zukunftssicheres« schwedisches Sozialmodell. Als dessen Kernpunkt gilt eine mögliche Heraufsetzung des Rentenalters auf 75 Jahre.

Die Vorstellungen des Regierungschefs stießen nach einer Meinungsumfrage des gewerkschaftlich orientierten »Aftonbladet« auf etwa 90-prozentige Ablehnung und wurden in großen Kreisen der abhängig Beschäftigten als glatte Provokation aufgefasst. Nicht zuletzt auch, weil die Schweden laut Statistikbehörde Eurostat im EU-Vergleich am längsten arbeiten, nämlich im Schnitt 40 Jahre, und ihr Renteneinstieg mit 64,3 Jahren ebenfalls vergleichsweise hoch liegt.

Der Premier sah sich missverstanden und relativierte, seine Vorstellungen sollten lediglich die Debatte vor der »Seminar-Konferenz« der nordischen Ministerpräsidenten mit ihren Amtskollegen aus den baltischen Staaten und Großbritannien anschieben. Reinfeldt unterstrich auf dieser zum zweiten Mal organisierten Konferenz am 9. Februar durchaus richtig, dass es für eine vorausschauende Politik nicht ausreiche, nur für die jeweils laufenden Legislaturperioden zu planen. Seine Vorstellungen zielten ihrem Wesen nach allerdings auf eine grundlegende neoliberale Veränderung des bisherigen Rentensystems ab.

Viel Zeit und Mühe verwendete Reinfeldt vor und während der Konferenz darauf, den Eindruck zu zerstreuen, er wolle einfach zehn Jahre Lebensarbeitszeit bis 75 draufsatteln. Wenn etwa 50-Jährige in ihrem alten Beruf nicht mehr den Anforderungen gewachsen seien, so könnten sie durch ein System der Umschulung für eine weitere Berufstätigkeit von etwa 20 bis 25 Jahren wieder fit gemacht werden.

Reinfeldts Vorstellungen zur Reformierung des Renteneintritts stehen im Kontext mit Überlegungen der EU-Kommission, den Rentenbeginn automatisch an die steigende Lebenserwartung zu koppeln. Womit auch das Problem eines periodisch wiederkehrenden Tauziehens um eine gesetzliche Neuregelung (sprich Heraufsetzung) des Renteneintrittsalters gelöst wäre. In diesem Sinne dienten Island und Norwegen (wie auch Schweden) mit ihren flexiblen Renteneintrittsregelungen den meisten am »Nordic Future Forum« teilnehmenden Regierungschefs als Vorbilder.

Der Beifall für die Vision des Premiers aus dem Unternehmerlager folgte sofort, Gewerkschafter und Rentner sparten dagegen nicht mit Kritik. »Reinfeldt beweist mit seinem Vorschlag, dass er nicht weiß, wie Industriearbeiter leben«, urteilte der Vorsitzende der IG Metall in Schweden, Anders Ferbe. Angesichts einer landesweiten Arbeitslosigkeit von 7,1 Prozent und einer Jugendarbeitslosigkeit von fast 21 Prozent dürfte die Rentenreform beim schwedischen Durchschnittsbürger, dem »Medelsvensson«, kein Zukunftsvertrauen, sondern einen Schock hervorrufen.

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