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Kurz, Nick, Luft & Hickel

Ende der ewigen Wahrheiten

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»Staat und Markt sind keine Gegensätze, sondern gemeinsam die Alternative zur Anarchie.«

Wer über Alternativen zum Realkapitalismus nachdenkt, wird hier gern kommunistischer Klassenkampfideologie bezichtigt. Solche Hysterie findet sich anderswo kaum. Inzwischen wird die Systemfrage gar international thematisiert, wie jüngst auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos. Besonders auffällig ist, dass renommierte Wissenschaftler jenseits des Atlantik ihre Sorgen um die Zukunftsfähigkeit des einzig auf Plusmacherei gerichteten Wirtschaftsmodells nicht verbergen. So fragt Harvard-Ökonom Kenneth Rogoff, ob der Kapitalismus seinem Erfolg bei der Reichtumserzeugung zum Opfer fallen wird. Seine Antwort: Wenn Umweltverschmutzung, Finanzinstabilität, Gesundheits- und Bildungsprobleme sowie Polarisierung in der Einkommens- und Vermögensverteilung weiter wachsen und die Aushöhlung der Demokratie anhält, »könnte die Zukunft des Kapitalismus bald deutlich weniger gesichert erscheinen als heute.«

Laut Nouriel Roubini, Nationalökonom an der New York University, hat der Kapitalismus einen Punkt erreicht, »an dem er sich selbst zu zerstören droht. Man kann das Einkommen der Arbeitenden nicht ständig verkleinern, um die Gewinne der Kapitalisten zu vergrößern, ohne Überkapazitäten (in der Produktion) zu schaffen und die Nachfrage immer weiter abzusenken. Wir dachten, die Märkte würden das schon richten. Die Märkte haben das aber nicht getan.« Ökonomie-Nobelpreisträger Joseph Stiglitz sieht im Fall der Wall Street nach der Lehman-Pleite für den Marktfundamentalismus gar das, was der Fall der Berliner Mauer für den Kommunismus war. »Er zeigt, dass der Weg dieser Wirtschaftsordnung nicht gangbar ist.« Die meisten seiner deutschen Kollegen halten das für abwegig.

Freilich: Kurz vor dem Ende steht der Kapitalismus nicht. Er wird neue Potenziale mobilisieren und aus Schwellen- und Entwicklungsländern weiter Profite pressen. Doch ist die Systemfrage angesichts der anhaltenden Krise offener als zuvor. Mit einer Revolution ist nicht zu rechnen, eher mit einem längeren Transformationsprozess, der über eine Mischwirtschaft führt, den Finanzsektor bändigt und für die Bürger den Nutzen aktiver Mitwirkung spürbar macht. »Wir müssen weg von der Ideologie der Unveränderlichkeit der herrschenden Verhältnisse, die uns gefangen hält,« appelliert Elmar Altvater. So gehören Kommunen, Genossenschaften und Belegschaftsbeteiligungen gestärkt. Basisdemokratie, Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung und Öffentlichkeit sind für eine wirkliche Alternative ebenfalls nötig.

Im Hegelschen Sinne geht es um das Bewahren zivilisatorischer Errungenschaften, besonders der Grundideen des Liberalismus: Wahrung statt Geringschätzung bürgerlicher Freiheitsrechte und Anerkennung statt Unterbewertung des Marktes als Element effizienten Wirtschaftens. Hier hatte der real existierende Sozialismus Defizite und Defekte. Staat und Markt sind keine Gegensätze, sondern gemeinsam die Alternative zur Anarchie. Aber der Staat darf sich die Definitionsmacht darüber, wie Märkte funktionieren sollen, nicht aus der Hand nehmen lassen.

Abschied zu nehmen gilt es vom Ideenabsolutismus. Ein Ende muss die Verkündung ewiger Wahrheiten haben. Es geht um das Angebot mobilisierender alltagstauglicher Alternativen.

In der wöchentlichen nd-Wirtschaftskolumne erläutern der Philosoph Robert Kurz, der Ökonom Harry Nick, die Wirtschaftsexpertin Christa Luft und der Wirtschaftsprofessor Rudolf Hickel Hintergründe aktueller Vorgänge.

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1 Kommentar zu diesem Artikel

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  • Schubertu, 24. Feb 2012 14:20

    Hat die Linke Angst vor einer Revolution?

    Haben wir keine anderen Ziele als nach alltagstauglichen Alternativen zu suchen? Müssen wir nicht mehr im Blick haben? Woher wissen wir, dass mit keiner Revolution zu rechnen ist?Sieht man nicht, dass sich in einigen Laender Europas eine revolutionäre Situation herausbildet? Die Sozialstandards werden soweit heruntergefahren, dass die Bevölkerung nicht mehr so weiter leben kann, wie bisher und die Regierungen können machen, was sie wollen, sie sind unfähig, die Prozesse zu steuern. Man sollte mal wieder bei Lenin nachlesen.
    Ich habe den Eindruck, dass die Linkspartei nach wie vor nicht den Schwerpunkt auf die außerparlamentarische Bewegung setzen will. Das ist ein Fehler. Woher wollen wir eigentlich wissen, dass der Kapitalismus noch transformierbar bzw. reformierbar ist?
    Ist es nicht vielmehr so, dass wir Angst davor haben, Prozesse zu initiieren, von denen wir nicht wissen, wie sie ausgehen könnten? Wenn Lenin und Trotzki 1917 so gedacht hätten, waeren wir heute um eine Erfahrung ärmer.
    Wenn die Linkspartei sich nicht endlich auf das Notwendige konzentriert, wird sie sich vielleicht irgendwann wundern, dass sie von Twitteraktivisten von links überholt wird.
    Schubertu

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