Wie sich die Zeiten ändern. Das vor neun Jahren als stolze Behauptungs- und Präsentationsplattform der freien Theater-, Tanz- und Performanceszene Berlins gegründete viertägige Festival 100 Grad schlägt im letzten Jahr der Intendanz seines Initiators Matthias Lilienthal ganz besinnliche Töne an. Und doch gibt es einige Stücke, die die gegenwärtigen Arbeitswelten kritisch durchleuchten und das Schaffen in einen ursächlichen Zusammenhang mit Burnout stellen.
Gleich am Donnerstag performt etwa das Duo Brinkmann mit »25 Sandsäcken und einem Haufen Depression« (HAU3, 21 Uhr). Drei junge Produktionsleiterinnen der freien Szene transportieren den Prekarisierungsparcours, der ihre werktätige Heimat geworden ist, auf die Bühne (»Don't work - don't!«, 23 Uhr, HAU3). Auch gibt es Revolutions-Betrachtungen, etwa mit der Gruppe Neue Dringlichkeit, die sich mit dem Fremdfreuen über den - längst vergangenen - arabischen Frühling beschäftigt (19 Uhr, HAU2). Die Sophiensaele präsentieren gar einen »Political Friday«, u.a. mit einem Tanztheater um Machtstrukturen (»On People and Power«, 21 Uhr), der performativen Suche nach Gesten der Subversion (»AB abwärts beschleunigen«, 23 Uhr) sowie einer Reflektion über die Wiederholungsschleifen von Aufruhr (»Meet her at the Love Parade«, 19 Uhr).
Offensichtlicher jedoch ist eine Hinwendung zum Märchen. Bereits die Eröffnungsproduktion in den Sophiensaelen »The King is Blind« (Do., 19 Uhr) greift auf Märchen und Mythen zurück, um Machtkonstellationen zu verdeutlichen. Schneeweißchen und Rosenrot tauchen auf (»Schwesternherz«, Sa., 22 Uhr, Sophiensaele), Schneewittchen wird als Urmodell aller grundsätzlich scheiternden Verschönerungsversuche ins Feld geführt (»The next Cinderella«, Sa., 20 Uhr, Sophiensaele). Auch »die spiegelbilder« integrieren Schneewittchen in ihren - wahrscheinlich schneefreien - Gesellschaftsspielabend »Schnee!« (Do., 22 Uhr, HAU3). Die Puppenspielgruppe Lovefuckers, die sich im letzten Jahr noch mit der Figur von Ghaddafi auseinandergesetzt hatte, schwenkt jetzt zu Rotkäppchen, Großmutter und dem Wolf um (Sa, 21 Uhr). Ein afrikanisches Erlösungsmärchen verbreiten schließlich »Die M-Mhs« (Sa., 20 Uhr), während die Gruppe Dramazone gleich für das gesamte Wochenende ein interaktives Rettungsmärchen in Form eines Zirkeltrainings anbietet (alle Sophiensaele).
Sophiensaele-Kuratorin Dorothea Schmans, die fast das gesamte Märchenangebot in den ihr zur Verfügung stehenden Räumen gebündelt hat, erklärt sich diese Hinwendung - passend zum Grimm-Jahr übrigens - folgendermaßen: »Märchen sind Erzählungen, die wir alle kennen. Sie bilden deshalb eine gute Grundlage, um Konflikte zu erforschen. Zudem sind die Erzählstrukturen recht einfach und von allen zu teilen.«
Einen anderen Schwerpunkt hat ihre Kuratorenkollegin fürs HAU, Juliane Hahn, ausgemacht. »Musik spielt eine wichtige Rolle. Das hat auch mit dem Studiengang Sound Studies an der UdK zu tun«, meinte sie. Hörstücke der Kunststudenten, die im letzten Jahr zum 100. Geburtstag des Kudamms entstanden sind, werden in den Shuttles zwischen HAU und Sophiensaelen zu hören sein und mitunter auch in den Stadtraum ausgreifen. Das musiktheater bruit!, ebenfalls mit einem Mitglied mit Sound Studies-Hintergrund, zerlegt im Houseclub des HAU visuelles und akustisches Rauschen (Do. ab 20, Fr ab 19 Uhr). Die Band Anda hingegen erzeugt Musik aus Dialogen zwischen Radiosounds und Telefongesprächen mit herkömmlichen Instrumenten. Und das Transistor Collective bietet ab Do 22 Uhr durchgängig über die gesamte Festivalzeit (Fr. ab 18, Wochenende ab 16 Uhr) im HAU2 biografische Karaoke-Aufzeichnungen an. Partys gibt es natürlich auch.
Beworben haben sich für diesen Theatermarathon insgesamt 250 Gruppen, von denen knapp 160 Platz auf den zahlreichen Bühnen und Nebenspielorten fanden. Kriterium der Annahme war das Eingangsdatum der Bewerbung. Stellte 100 Grad in den ersten Jahren vor allem eine Präsentationsplattform für die freie Szene der Stadt dar, so hat sich in diesem Jahr der Teilnehmerkreis bis nach Afrika und Südamerika erweitert und auch merklich verjüngt. Dank der Zusammenarbeit mit dem Kana-Theater in Stettin sind mehrere polnische Gruppen und Einzelkünstler vertreten.
Ein paar alte 100 Grad-Hasen gibt es dennoch. »Wilde Pferde«, Publikumspreisträger vom letzten Jahr, sind am Sonntag 19 Uhr in den Sophiensaelen am Start. Und Beatrice Fleischlin, die von Dauerbesucherin über Teilnehmerin und Jurypreis-Gewinnerin bis zur Moderatorin der Preisverleihung schon so ziemlich jede Rolle bei diesem Festival eingenommen hat, eröffnet den Abschlussabend mit einer Erkundung des Gefühls von Zuneigung und der Frage danach, warum man dieses Risiko der persönlichen Begegnung noch immer eingeht (»There's something about Love«, 20 Uhr, Sophiensaele).
Da sind wir dann wieder bei der neuen Innerlichkeit angelangt.
23.-26.2. HAU und Sophiensaele
Aktuelle Ausgabe: 24.05.2012
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