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Fragwürdig

Theater im Gefängnis?

Die Berlinale-Gewinner Taviani über politischen Film

nd: »Cäsar muss sterben« wurde mit Häftlingen im Hochsicherheitstrakt des römischen Gefängnisses Rebibbia gedreht. Ihr Film verfolgt den Entstehungsprozess einer Theaterinszenierung. Wie kam es zu dem recht ungewöhnlichen Projekt?

Vittorio T.: Wir hatten dort bereits eine Aufführung von Dantes »Inferno« gesehen, ein Freund hatte uns eingeladen. Die Arbeit an den Aufführungen ist Teil des Freizeit- und Resozialisierungsprogramms für die Häftlinge. Sie sitzen lebenslänglich ein, gehörten zur Mafia oder Camorra. Das Programm soll den Männern helfen, wieder Zugang zu ihren Emotionen zu finden. Wir waren zunächst sehr skeptisch, doch was wir dann sahen, das haute uns geradezu um. Die Häftlinge hatten den klassischen Text in ihre Sprache übersetzt, es waren ihre Gefühle von Einsamkeit, Verlust und Trauer, die wir spürten. Viele haben ihre Familien verloren, sie leiden sehr unter der Isolation und bestätigten, dass sie dies bei Dante wiederfanden.

Warum wählten Sie die Inszenierung von Shakespeares »Julius Cäsar« aus?

Paolo T.: Shakespeare war ein Genie. Wir sind ihm Brüder im Geiste. Dieses Stück fiel uns sofort ein, als wir über den Film nachdachten, und wir wurden bald in unserer Ahnung bestätigt. Die Männer haben ja schwere Schuld auf sich geladen, Mord, Drogenhandel, Überfälle. Und sie lebten in einer kriminellen Gemeinschaft, in der aber Werte wie Familie, Freundschaft, Liebe, Treue und Verrat hochgehalten werden. Nur dass sie völlig pervertiert sind. Sie haben Verbrechen begangen, ohne sich der möglichen Konsequenz bewusst zu sein, die Freiheit zu verlieren. Wobei das Gefängnis nur das Einbüßen der äußeren Bewegungsmöglichkeit bedeutet. Entscheidender ist der Verlust der inneren Freiheit - und da schien uns das Stück die Chance zu bieten, ihnen zu zeigen, dass sie den freien Willen schon bei ihrem Eintritt in die ehrenwerte Gesellschaft eingebüßt hatten. Sie waren Gefangene der Fehlinterpretation von humanistischen Grundwerten in Italiens Unterwelt. Das Stück hat ihnen ermöglicht, sich dieser Wahrheit zu stellen.

Glauben Sie, dass Kino und Kultur Menschen verändern können?

Paolo T.: Ja, dann wenn Theaterstücke, Filme, aber auch Bücher und andere Kunstwerke essenzielle Fragen zur menschlichen Identität stellen, wenn sie den Menschen einen Spiegel vorhalten und ihm den Anstoß geben, über sich und sein Tun in der Welt nachzudenken.

In diesem Sinn sehen Sie sich auch als politische Filmemacher?

Vittorio T.: Unsere Filme werden politischer eingeschätzt, als sie von uns konzipiert sind. Wir hüten uns, unsere Meinung zum politischen Geschehen auf die Leinwand zu bringen. Für Momentaufnahmen politischer Stimmungen ist der Film auch nicht das geeignete Mittel. Aber was sicher in unsere Arbeit einfließt, ist die Atmosphäre, die gesellschaftliche Wirklichkeit, in der wir uns bewegen.

Interview: Katharina Dockhorn

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

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24.05.2012 | Katja Eichholz, David König und Olaf Präger

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