Die Genrebezeichnung »Roman« scheint ein wenig hoch gegriffen für einen in schlichtem, mitunter krassem Berichtston gehaltenen Episoden-Text von gut 160 Seiten, der sich vornehmlich mit zwei Themen beschäftigt, die das Interesse des Lesers finden: der Befindlichkeit einer (nahezu hoffnungslosen?) jungen Generation zwischen Drogensucht und Rechtsextremismus. Welche Abgründe tun sich da dem Unvoreingenommenen auf!
Albin O., der junge Anti-Held des Buches, vom Leben und von der Arbeit überforderter Nachtpfleger im Altenpflegeheim Hasenberg, versucht seiner hochgradigen Sucht zu entkommen. Sechs Monat gewährt die Landesversicherungsanstalt dem Polytoxikomanen, der zur Paranoia neigt und sich schuldig am Tod seiner letzten Lebensgefährtin fühlt.
Ein Sympathieträger ist der kettenrauchende Punk mit linker Gesinnung und vegetarischer Lebensweise wahrlich nicht, und das triste Dasein in der WG, in der offener und versteckter Rechtsradikalismus an der Tagesordnung sind, scheint kaum geeignet, aus Albin einen Menschen zu machen, der den alltäglichen Forderungen und Anfechtungen der »normalen« Gesellschaft gewachsen ist. Immerhin zwingt ihn sein (Mit-)Wissen um eine geplante rechtsradikale Aktion zu einer eindeutigen Haltung und auch seine Betreuerin Nina verkörpert so etwas wie das Prinzip Hoffnung. »Mutterkorn« ist der erste umfangreiche Text des Nürnberger Krankenpflegers und Diplom-Sozialpädagogen Leonhard F. Seidl (35). Die Ereignisse um die NSU-Mörder verleihen seinem Roman »über Gewalt und Abhängigkeit« (Seidl) eine unerwartete Aktualität.
Leonhard F. Seidl: Mutterkorn, Roman. Kulturmaschinen Verlag. 172 S., brosch., 14,90 €.
Aktuelle Ausgabe: 24.05.2012
Preis: 75,00 €
Preis: 7,95 €
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