Dieser in Berlin lebende Russe ist ein Träumer. Victor Kossakovsky. Aber einer mit kühlem Blick. Das erinnert an Jules Vernes, der sich eine Reise zum Mittelpunkt der Erde ausmalte - und dabei immer die märchenhaften Seite mit der des Wissenschaftlers verband. In »Vivan las antipodas« gehen wir auf eine sehr reale filmische Expedition, die jedoch immer mit der doppelten Perspektive spielt. Wir sehen nur jeweils die eine Seite der Dinge, die andere müssen wir uns vorstellen.
Es ist schon ein herrlich verrücktes Unterfangen, das Leben an vier Antipoden zu zeigen. Was passiert, wenn ich hier und jetzt einen 12756 Kilometer langen Tunnel senkrecht in die Erde bohre? Ich komme auf der andere Seite der Erdkugel wieder heraus. An den meisten Orten wird das dann mitten in irgendeinem Ozean sein. Victor Kossakovsky hat lange gesucht, um seine vier Festland-Antipoden zu finden - reiste schließlich nach Argentinien und China, Spanien und Neuseeland, Chile und Russland, Botswana und Hawai. Hier hat er den Alltag der Menschen gefilmt, die Landschaften, die Tiere und Pflanzen.
Und wir fahren dann mit der Kamera immer durch die Erde. Was tun dort, wo wir herausgelangt sind, gerade die Menschen? In Entre Rios, einer entlegenen Siedlung in Argentinien, betreiben zwei Brüder eine Fähre über einen Fluss. Selten kommt hier jemand vorbei, die meiste Zeit sitzen sie vor ihrer Hütte, sinnieren über das Leben, und wir blicken mit ihnen über die südamerikanische Landschaft in Sonnenauf- und Untergänge: ein grandioses Stillleben. Auf der anderen Seite der Erde, dem direkten Antipoden von Entre Rios, liegt Shanghai, die 18-Millionen-Metropole Chinas. Hier strömen im Morgengrauen Massen von Menschen in Arbeitskleidung durch Werktore und auf dem Jangtsekiang stauen sich die Schiffe.
»Vivan las antipodas« versteht sich als »optisches Fest«. Seine Faszination resultiert aus dem Spiel mit Gegensätzen. Aber nicht nur zwischen urbanem und ländlichen Leben, sondern auch in der Art, wie hier die Bilder komponiert werden. Kossakovsky muss dabei an Lewis Carrolls »Alice im Wunderland« gedacht haben, wo es heißt: »Ob ich wohl ganz durch die Erde fallen werde? Lustige Vorstellung, auf der anderen Seite rauszukommen, und alle Leute würden auf dem Kopf gehen.« Und so stehen auch hier die Bilder mit einer hinreißenden Kameradrehung immer mal wieder auf dem Kopf, wenn wir gerade auf der anderen Seite der Erde ankommen.
Kossakovsky, 1961 in St. Petersburg geboren, hat einen Sinn für die Magie der Gleichzeitigkeit in völlig verschiedenen Lebenszusammenhängen. Mal sind wir in Sibirien, wo Mutter und Tochter in einem einsamen Gehöft in schier unendlich weiter Landschaft wohnen, dann zur gleichen Zeit beim Antipoden im chilenischen Patagonien, ebenfalls bei einem Einsiedler, der hier ganz allein mit seinen Tieren lebt. Von einem Dorf in Botswana, durch das Elefanten ziehen und am Dorfrand die Löwen lagern, fallen wir durch die Erde hindurch nach Hawai und sehen einen Mann in seinem Haus am Rande eines Vulkans. Einmal fährt er mit dem Motorrad über die kalte Lavamasse, seinen Hund schickt er zurück. Er kommt nie zu Hause an. Das sind die wenigen dramatischen Momente in einem ansonsten fast schon elegischen Bilderfluss. Sieht man diesen Film, dann möchte man glauben, es gibt noch viel Platz auf dieser Erde für Sonderlinge aller Art.
Der größte Sonderling aber ist der wohl Regisseur, der im Interview sagte, der Schauspieler, der ihn als Kind am meisten beeindruckt habe, sei Gojko Mitic. Sein größter Wunsch, so gesteht er, sei es, ein Gerät zu erfinden, das Träume aufzeichnet. Mit diesem ungewöhnlichen Film hat er damit bereits einen Anfang gemacht.
Aktuelle Ausgabe: 25.05.2012
Preis: 15,90 €
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