Wie ich heimschritt, bemerkte ich mit einem Mal vor mir meinen eigenen Schatten, so wie ich den Schatten des anderen Krieges hinter dem jetzigen sah. Er ist durch all diese Zeit nicht mehr von mir gewichen, dieser Schatten ... Aber jeder Schatten ist im letzten doch auch Kind des Lichts ...«
Mit diesen Sätzen hat Stefan Zweig wenige Wochen vor seinem Freitod das letzte große Werk »Die Welt von gestern« beendet. Diese »Erinnerungen eines Europäers«, Autobiografie und Kompendium der untergegangenen europäischen geistigen Welt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, waren ihm zu einem literarischen Abgesang, einer Versiegelung des Vergangenen geworden. »Sonnenuntergang« ist letztgefundene Untergangsmetapher. Dann kommt der »Dämmer des Unbewussten« (Laurent Seksik), beginnt die »Abschiedszeremonie« (Alberto Dines), »der inszenierte Tod«. Am 22. Februar 1942 nimmt sich der sechzigjährige Stefan Zweig zusammen mit seiner dreißig Jahre jüngeren Frau Charlotte in Petrópolis nördlich von Rio de Janeiro das Leben.
Der bescheidene Bungalow im Stadtteil Valparaiso, »Tal des Paradieses«, war letzter Hoffnungs- und Fluchtort gewesen, bald aber zu einem »Grab der Traurigkeit« geworden, wie Seksik schreibt. »Hier war nichts, was mich ablenken konnte von meinen Gedanken, von meinen Wahnvorstellungen, von meinem krankhaften Rekapitulieren«, heißt es in »Schachnovelle.« - »Ich musste versuchen, mit mir selbst oder vielmehr gegen mich selbst zu spielen.« Im penibel geordneten Nachlass fand sich neben testamentarischen Anordnungen, Briefen und Geschenken auch ein Schachspiel des (schlechten) Schachspielers Stefan Zweig.
Ein Freitod hat stets Erschreckendes, ist trotz vieler Erklärungen und Gründe unergründbar. 1942: Die Welt, die Stefan Zweig gekannt hatte, lag in Trümmern. »Hitler war zum Autor von Millionen unübertroffenen Tragödien geworden«, lesen wir hier. Zweigs Bücher, die zuvor Millionenauflagen in mehr als 50 Sprachen erzielt hatten, waren in ganz Europa verboten, ihr Autor befand sich am Ende von Fluchten über England, New York bis nach Brasilien. Ernst Toller, Ernst Weiß, Walter Benjamin hatten sich schon vorher das Leben genommen, Zweigs Freund Joseph Roth, den er lange finanziell unterstützt hatte, war tot. Wir wissen auch, dass später Primo Levi, Paul Celan und Jean Améry in den Freitod gehen werden.
Warum beschäftigt die Literaten, nun auch den Franzosen Laurent Seksik, Stefan und Lotte Zweigs Selbstmord, dieser »zweiselige Untergang«, so sehr? Zum einen, weil wir die Fotos kennen, die die Polizei von den Toten in ihren Betten gemacht hat. Zum anderen, weil wir durch Berichte und Zweigs Tagebücher viel über »das Vorgefühl der nahen Nacht« wissen. Alberto Dino hat in seiner einzigartigen, umfangreichen Biografie »Tod im Paradies« alle Aspekte zu ergründen gesucht und auf den »vorweggenommenen Tod« in Zweigs literarischen Werken, besonders in »Der Kampf mit dem Dämon« hingewiesen. »Von frühester Jugend begleitet ihn diese Idee des Freitodes«, schreibt der junge Zweig über Kleist, von daher stammt auch die Vorstellung vom »Tod als Meisterwerk«.
Mehr lässt sich über Zweigs »schwarze Gedanken« und über die »nahen Schatten« nicht sagen. Auch Laurent Seksik kann das nicht, aber er folgt Stefan Zweig und schreibt wie er ein Buch, das eher großer Essay als Roman ist. Geschickt verbindet er in sechs (nach Monaten geordneten Kapiteln) die letzten Schritte - Treffen mit den Freunden, literarische Arbeiten, Besuch des Karnevals in Rio und Vorbereitungen auf die Todesstunde - mit Erinnerungen an die Sternstunden des Schriftstellers. Er versucht auch, die Motive Charlottes zu erfragen: Warum folgt sie ihm so willenlos in den Abgrund? Dieser Essay ist weniger in der Analyse als in seiner Erzählkunst überzeugend.
Laurent Seksik: Vorgefühl der nahen Nacht. Roman. Aus dem Französischen von Hanna van Laak. Blessing. 239 S., geb., 18,95 €.
Aktuelle Ausgabe: 19.05.2012
Kristallischer Dunst, steinerner Raureif Carlos Fuentes: Erinnerung an den großer Erzähler
"Obama ist kein Kriegspräsident"
"Obama ist ein Kriegspräsident"
Preis: 120,00 €
Preis: 7,99 €
Werbung:
Werbung: