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Von Martin Koch
25.02.2012

Das Jenseits im Kopf

Warum Menschen, die dem Tode nahe sind, oft »übernatürliche« Erfahrungen machen

Gemeinhin betrachten wir den Tod als das unwiderrufliche Ende unseres Lebens. Dennoch sind selbst hartgesottene Materialisten erstaunt über das, was Menschen widerfährt, die vorübergehend im Sterben liegen: Ihr Geist trennt sich plötzlich vom Körper, schwebt in die Höhe und widerstandslos durch andere Körper hindurch. Schließlich erreichen sie als eine Art Geistwesen einen langen dunklen Tunnel, der vielen so erscheint, als führe er in eine unbekannte jenseitige Welt. »Am Ende des Tunnels sah ich eine Lichtgestalt, die mir vermittelte, dass meine irdische Aufgabe noch nicht erfüllt sei«, berichtet ein Mann, der nach einem Unfall ins Krankenhaus kam, anonym im Internet: »Diese Lichtgestalt befahl mich liebevoll zurück. Auf der Intensivstation des Krankenhauses sah ich mich von oben auf einem Bett liegen. Die Gesichter der Ärzte waren resigniert; sie hatten mich aufgegeben. Ich versuchte, in meinen Körper zu gelangen und wurde von diesem wie eingesogen. Plötzlich fühlte sich mein Körper unendlich schwer an. Es war eine große Mühe, wieder die Augen zu öffnen.«

Laut Umfrage haben 4,3 Prozent der Deutschen schon einmal solche oder ähnliche Nahtod-Erfahrungen gemacht. Diese relativ hohe Zahl hängt sicherlich damit zusammen, dass die Reanimationstechniken in der Notfallmedizin in den letzten Jahren erheblich verbessert worden sind. Allerdings sei schon hier angemerkt, dass Nahtod-Erlebnisse nicht zwangsläufig an eine körperliche Todesnähe gebunden sind. Über ähnliche Erscheinungen berichten auch Menschen, die meditieren oder halluzinogene Substanzen wie LSD konsumieren.

Dennoch führen Nahtod-Erlebnisse im engeren Sinn bei den Betroffenen häufig dazu, dass sie zu mehr innerer Religiosität finden. Ein junger Mann, der nach einem Herzinfarkt reanimiert wurde, nahm währenddessen eine wunderschöne Landschaft mit sanftgrünen Wiesen und prächtigen Blumen wahr, zwischen denen sich lichthafte Gestalten bewegten, die er für Engel hielt. »Ich habe einen kurzen Blick auf das Paradies werfen dürfen«, erzählte er hinterher.

Auch der niederländische Publizist Christophor Coppes stellt in seinem jetzt erschienenen Buch »Der Himmel ist ganz anders« (Aquamarin-Verlag, 191 S., 19,75 Euro) überzeugt fest, dass Nahtod-Erlebnisse real und ein deutlicher Hinweis darauf seien, dass das Leben nach dem Tod irgendwie weitergehe. Zur Begründung führt er wissenschaftliche Erkenntnisse ins Feld wie die Tatsache, dass in der Quantenphysik heute Theorien in einem 10-dimensionalen Raum formuliert werden. Könnte es da nicht sein, fragt Coppes, dass Nahtod-Patienten in eine solche »jenseitige« Welt eintauchen und danach über ihre dort gemachten Erfahrungen berichten? Das kann nicht sein, denn die überzähligen Dimensionen sind, sofern sie existieren, laut Theorie zu extrem kleinen Gebilden zusammengerollt und mithin gar nicht mehr als Raum im herkömmlichen Sinn zu deuten.

Überhaupt sind Nahtod-Erlebnisse kein Problem der Quantenphysik, sondern eines der Psychologie und Hirnforschung. Nehmen wir allein die Aussage vieler Betroffener, sie seien bei ihrer »außerkörperlichen Reise« berühmten religiösen Gestalten begegnet. Doch diese auch von Coppes freudig zitierte Tatsache hat einen Haken: Während Christen im »Jenseits« in der Regel Jesus erblickt haben wollen, berichten Muslime und Hindus eher über eine Begegnung mit Mohammed bzw. Krishna.

Es liegt sonach auf der Hand, dass sich in den vermeintlich jenseitigen Nahtod-Erlebnissen die soziokulturellen Erfahrungen der Betroffenen widerspiegeln. Sofern dies in verfremdeter Form geschieht, ist die Nahtod-Erfahrung annähernd mit einem Traum vergleichbar. »So kommt es auch in Träumen zuweilen zu Außerkörperlichkeitserfahrungen mit den typischen Fall-, Flug- und Schwebeempfindungen«, sagt der Psychiater Michael Schröter-Kun- hardt. »In Klarträumen schließlich, in denen der Träumer sich des Träumens bewusst ist, wird die Welt ähnlich ›real‹ und lebendig wahrgenommen wie bei Nahtod-Erlebnissen.«

Da man den Nahtod-Ge- schehnissen aber kein bekanntes Schlafstadium zuordnen kann, ist ihre Entstehung offenkundig an andere physiologische Prozesse geknüpft, die zudem als universell anzusehen sind. Davon kündet insbesondere der enge, dunkle Tunnel, den Menschen in allen Kulturen bei einer Nahtod-Erfahrung wahrnehmen. Eine psychoanalytische Deutung dieses Phänomens besagt, dass jener Tunnel der im Unbewussten gespeicherte Geburtskanal sei, durch den ein Mensch in die Welt trete - und sie am Ende wieder verlasse. Dem widerspricht jedoch die Tatsache, dass auch per Kaiserschnitt geborene Kinder, die nie einen Geburtskanal von innen gesehen haben, später über Nahtod-Erlebnisse mit Tunnel berichten.

Nach Auffassung des Zürcher Neurobiologen Peter Brugger entsteht der Tunnel schlicht durch eine mangelhafte Durchblutung des Sehareals im Gehirn: »Wenn kein Blut mehr nachgepumpt wird, zieht sich in der visuellen Großhirnrinde das Restblut von der Seite zur Mitte zurück. Nur in der Mitte bleibt es hell. So entsteht der Eindruck eines Tunnels.«

Andere Nahtod-Erlebnisse werden auf akuten Sauerstoffmangel im Gehirn zurückgeführt. Oder auf eine Aktivitätsstörung bestimmter Hirnregionen, wie ein Experiment Schweizer Wissenschaftler nahe legt. Diese stimulierten bei einer 43-jährigen Epilepsie-Patientin einen als »Gyrus angularis« bezeichneten Bereich der Großhirnrinde mittels Elektroden. Prompt begann die Frau zu erzählen, dass sie ihren Körper verlassen habe und über ihm schwebe. »Ich sehe mich selbst im Bett liegen, von oben.« Auch Veränderungen in der Zeitwahrnehmung und das Abspielen eines sogenannten Lebensfilms lassen sich durch die elektrische Stimulierung bestimmter Hirnregionen gewissermaßen künstlich erzeugen. Wie Neurobiologen vermuten, kann es bei Menschen, die sich in Todesnähe wähnen, ebenfalls zu elektrischen Entladungen in bestimmten Hirnregionen kommen, die sich in entsprechenden Nahtod-Erlebnissen äußern. Ganz unvermittelt dürfte freilich auch das nicht geschehen. Als Auslöser wäre erneut ein Mangel an Sauerstoff zu bedenken. Allerdings wurde in einer Studie nachgewiesen, dass Nahtod-Erlebnisse auch dann auftreten können, wenn das Gehirn ausreichend mit Sauerstoff versorgt ist. Welche Stoffe oder Prozesse dann als Trigger wirken, ist bislang unbekannt.

Dagegen lassen sich die bei Nahtod-Erlebnissen häufig auftretenden rauschartigen Glücksgefühle recht einfach erklären: Das menschliche Gehirn ist so konstruiert, dass es sich in Extrem- und Stresssituationen durch die Ausschüttung großer Mengen an Botenstoffen und körpereigenen Opiaten gleichsam von selbst in einen euphorischen Zustand versetzt, der unter anderem dem Schutz vor unangenehmen Sinnesreizen dient. Aus diesem Grund haben Menschen mit dauerhaften starken Schmerzen im Erlebnis des Nahtodes augenblicklich keine Schmerzen mehr.

Obwohl Nahtod-Erlebnisse aus Sicht der Wissenschaft an eine veränderte Aktivität des Gehirns gebunden sind, geben sie vielen Menschen eine zuvor nicht gekannte metaphysische Sicherheit, wie Elisabeth Kübler-Ross, die Begründerin der Sterbeforschung, bereits 1969 feststellte: »Kaum jemand, der ein Nahtod-Erlebnis hatte, verspürt danach irgendwelche Furcht vor dem Tod.« Was lange unwidersprochen blieb, ist durch neuere Untersuchungen wenn nicht widerlegt, so zumindest relativiert worden. In Deutschland erklärten nur rund 20 Prozent der befragten Menschen mit Nahtod-Erlebnissen, dass ihre Angst vor dem Sterben anschließend abgeklungen sei. Bei 40 Prozent nahm die Angst sogar zu. Das könnte unter anderem daran liegen, dass das Gehirn die Nahtod-Erlebnisse häufig in einen dunklen Raum projiziert, in dem sich Dämonen und andere finstere »Höllengestalten« tummeln. Dorthin zurück möchte natürlich niemand.

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