Von Jan Freitag
25.02.2012

Äpfel und Apfelkernchen

MEDIENgedanken: RTL und der Kampf um die Quotenherrschaft

Nachrichten sind ein schwieriges Geschäft. Als Werbeumfeld taugen sie kaum. Und Renommee ist darin nur mit viel, viel Mühe zu erzielen. Umso mehr freut sich ein Sender, um dessen Ruf es nicht zum Besten steht, über folgende Nachrichtennachricht: An acht Tagen, listet die Redaktion von »RTL-aktuell« auf, lag im Dezember letzten Jahres die alte Tante »Tagesschau« hinter »RTL aktuell«, dem Emporkömmling aus Köln. Und zwar nicht anteilig, was um 18.45 Uhr leichter ist als ab acht, sondern absolut. »Wir streben keine Marktführerschaft an«, lässt der zuständige Sprecher wissen, »aber ein bisschen stolz macht es uns schon«. Galt die »Tagesschau«, immerhin die älteste Sendung in Fernsehland, doch seit 1952 als unbesiegbar.

Ob sich daran etwas ändert, ist dennoch fraglich. RTL hat sich nämlich verzählt. Besser: Äpfel mit Apfelkernen verglichen. Denn an Tagen wie dem 13. Dezember, wo die versaute kleine RTL-Schwester »Bild« erstmals mit der Wulff-Debatte aufmachte, kann »aktuell« die »Tagesschau« im Ersten durchaus überflügeln. Das Flaggschiff der ARD läuft aber zeitgleich auf fünf Dritten Programmen, zwei digitalen, sowie Phoenix und 3sat. Das vervielfacht die Sehbeteiligung. Eine komplizierte Addition, weshalb sich RTL weiter mit nur der Ausgabe der »Tagesschau« um 20 Uhr im Ersten vergleicht.

Doch auch das sollten sie mal lieber lassen, wie der Praxistest belegt. An einem Mittwoch im Januar ging es in fünf Hauptnachrichten bei den Privaten, zu deren Flaggschiff sich wiederum RTL zählt, mit dem Schiffsunglück vor Italien los und in wechselnder Reihenfolge mit Christian Wulff, einem Feuer in Aachen und toten Äthiopien-Urlaubern weiter - Schlagzeilen von politischer wie menschlicher Relevanz eben. Doch schon Pro 7 zeigt um 18 Uhr, was der zuliefernde Bagger-Kanal N24 aus der Datenlage macht: Zur Betroffenheitslyrik des Moderators und Zeugen ohne Aussagekraft wird die Zeit widerwillig zu dem überbrückt, was dem Sender wichtig ist: Ein Medienpreis für Thomas Ebeling, der als neuer CEO der ProSieben-Sat 1-Gruppe vor drei Jahren gleich mal Nachrichten für überflüssig erklärt hatte. Dazu ein lustiger Tourist zwischen »Gorillas auf Kuschelkurs«. Niedlich.

Aber nichts für die »Tagesschau«. Nur in Ausnahmefällen, sagt ARD-Nachrichtenchef Kai Gniffke, geriete ein Thema, das sich »durch besondere Bilder oder hohen Gesprächswert« auszeichne, mal in seine Sendung wie einst der Gurkenlasterunfall des Castingstars Küblböck. Und da Ausnahme ereignisarme Zeit heißt, feiern die Privaten offenbar ständig Weihnachten im Sommer. Peter Limbourg, als »Senior Vice President News & Political Information« für die Sachlichkeit bei ProSieben-Sat 1 zuständig, sagt zwar, sein Angebot unterscheide sich »nur durch Moderator und Studio«. Die Beschreibung von ZDF-Programmchef Thomas Bellut für die Privatsender indes klingt doch stichhaltiger: »Rotlicht und Blaulicht«.

Das gab's um 18.45 Uhr auch bei RTL zuhauf. Sicher, es war gehaltvoller, aber gleichermaßen schrill und selektiv, was Peter Kloeppel 15 Minuten lang präsentierte. Beim Bericht über drei verbrannte Kinder drohte der Chefredakteur gar in Tränen auszubrechen, die Havarie wurde zum Tauchreport erklärt und aus den ersehnten Online-Antworten Christian Wulffs einzig die zum Kleid der Präsidentengattin zitiert. Der wahre Graben zu ARD und ZDF vollzog sich aber thematisch: Pflegereform für Demenzkranke? Zerschlagung des Maschinenbauers Manroland? Internetstreik bei Wikipedia? Fehlanzeige! Trotzdem blieben für den Auftritt von Ungarns Regierungschef vorm Europaparlament zehn Sekunden. Der Zielgruppe der 14 bis 49-Jährigen, in deren Gunst RTL seit 1995 vorne liegt, scheint das zu reichen. Fürs physisch wie geistig reifere Publikum aber haben ARD und ZDF den umfassenderen Ansatz - obwohl keine Gorillas grunzen, obwohl selbst »heute« ästhetisch zusehends auf RTL-Wegen wandelt, obwohl Sat 1 parallel zur »Tagesschau« bei allem Affentheater den vernünftigsten Eindruck im privaten Fach hinterließ.

Dort gilt generell: Wer harte News sucht, wird unterversorgt oder überreizt, meist beides. Auch der »Info-Sender Nr. 1«, wie Programmchef Volker Herres seine krimi-, sport- und schnulzensatte ARD feiert, hält manche Kochshow für ein Sachthema. Und über den Sinn all der Talkshows lässt sich ebenso streiten wie über die Verdrängung nonfiktionaler Formate in die Nacht. Doch ein Großteil jener 47,9 Prozent, den das ZDF in einer Studie des Medienforschers Udo Michael Krüger mit Infos füllt, sind wie bei den 40,4 Prozent der ARD tatsächlich News, Reportage, Dokumentarfilm und Magazin, auch wenn einiges davon Boulevardthemen erbricht.

RTL dagegen ist 2011 nur durch eine seriöse Doku (über DDR-Flüchtlinge) aufgefallen, hat wie alle Privaten weder Talkshows noch soziokulturell relevante Magazine im Angebot und glaubt doch, mit sechs Stunden fast die Hälfte der 690 Minuten Sachprogramm des Spitzenreiters ZDF zu erreichen. Es bedarf jedoch viel Fantasie, den Kommerzquatsch von »Galileo« bis »Explosiv«, von »Akte« bis »K 1« als Information zu interpretieren. Und warum Vox oder Kabel 1, die wochentags ab Mittag und wochenends gleich ganz nachrichtenfrei sind, noch den Titel »Vollprogramm« tragen, bleibt ein Rätsel der Lizenzvergabe.

Peter Limbourgs 50 Redakteure jedenfalls sind anders als die 130 von Kai Gniffke auch für Infotainment zuständig. Und die RTL-Tochter Infonetwork, in der alle Nachrichtenstrippen der Sendergruppe zusammenlaufen, basteln zusätzlich Dokusoaps. Infos aus der Spaßfabrik - kein Wunder, dass »RTL aktuell« in der pilcherisierten Fun-Gesellschaft ab und an vorn liegt. Zumindest, wenn sie nicht richtig zählen.

Der Autor ist freier Medienjournalist und Kritiker und lebt in Hamburg.

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