Von Fokke Joel
01.03.2012
Literatur

Vatersuche

Karl Ove Knausgård: »Sterben«

Mein Bild von Vater an jenem Abend 1976 ist mit anderen Worten eine Doppelbelichtung: Einerseits sehe ich ihn, wie ich ihn damals sah, mit den Augen des Achtjährigen, unberechenbar und beängstigend, andererseits sehe ich ihn als einen Gleichaltrigen, durch dessen Leben die Zeit weht und unablässig größere Stücke Sinn mit sich reißt.« In dieser Spannung, dem Blick des ängstlichen Kindes und dem Gefühl der Sinnlosigkeit des Lebens, bewegt sich »Sterben«, der erste Teil eines auf sechs Bände angewachsenen autobiografischen Romanprojekts von Karl Ove Knausgård (für März ist die Fortsetzung, »Lieben«, angekündigt).

Lange Jahre, heißt es am Ende des Buches, hatte der Vater für den norwegischen Autor keine Rolle mehr gespielt. Erst als er begann, an seinem ersten Roman zu arbeiten, der ein Roman über den Vater wurde, kamen die Gefühle. »Mein Vater war ein Idiot, ein Mensch, mit dem ich nichts zu tun haben wollte, und es machte mir nichts aus, mich von ihm fernzuhalten .... nichts an ihm berührte mich ... aber dann hatte ich geschrieben, und mir waren die Tränen gekommen.«

Der Vater selbst kommt in »Sterben« nur selten vor. Wie auch, blieb er dem Sohn in seiner kalten Verschlossenheit doch bis zuletzt ein Rätsel. Sich die unbewusste emotionale Abhängigkeit vom Vater bewusst zu machen, ist dann eine wichtige Motivation des Autors für diesen Band. Dabei springt Knausgård von der Gegenwart seines Schreibens bis in die ersten Erinnerungen, vom Studium zu seinem ersten Romanprojekt, und dann zu den Vorbereitungen der Beerdigung seines Vaters im Haus der Großmutter. Dort hatte Knausgårds Vater als Alkoholiker die letzten andertalb Jahre vor seinem Tod gelebt. Was die beiden Brüder vorfinden, sprengt alle ihre Vorstellungen: eine völlig verwahrloste pflegebedürftige alte Frau, die sich zusammen mit ihrem Sohn dem Alkohol überlassen hatte.

Innerhalb der einzelnen Szenen erzählt Knausgård detailliert und chronologisch. Für die Fahrt nach Kristansand, das Aufräumen im Haus seiner Großmutter und die Organisierung der Beerdigung wird jeder Schritt, jeder Moment beschrieben. Das ist dort interessant, wo überzeugend die historische Atmosphäre einer westeuropäischen Kindheit in den siebziger Jahren rekonstruiert wird. Oft aber hat der Detailreichtum etwas rein Additives. Das gilt besonders für einen endlos geschilderten Silvesterabend 1984/1985, an dem der Sechzehnjährige zusammen mit einem Freund versucht, Bier an den Erwachsenen vorbei auf eine Party zu schmuggeln. Am besten ist Knausgårds Prosa dort, wo die Erzählung durch Vergleiche, Metaphern oder essayistische Passagen auf eine allgemeine Ebene gehoben wird. Leider kommt das in »Sterben« nur selten vor.

Von daher ist auch unverständlich, weshalb Karl Ove Knausgård mit Marcel Proust verglichen wird, dessen Schreiben in der »Suche nach der verlorenen Zeit« viel reflexiver ist. Sicher, auch Knausgård beschreibt wie Proust detailliert sein Leben - die sechs Bände bringen es auf 3000 Seiten - aber seiner Rekonstruktion der Kindheit fehlt die Emphase, die in der »Recherche« in fast jedem Satz zu spüren ist und ganz entscheidend mit zur Faszination des Lesers beiträgt. »Sterben« hat durchaus seine eigene Qualität, letztlich aber ist das Buch eine Enttäuschung.

Karl Ove Knausgård: »Sterben«. Aus dem Norwegischen von Paul Berf. Luchterhand. 576 S., geb., 22,90 €.

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