Marcus Meier
02.03.2012
Konzern-Verantwortung

Nachhaltiges Geschwätz

»Deutschlands beste Nachhaltigkeitsberichte« entlarven deren Urheber

Das private Institut für Ökologische Wirtschaftsforschung prämierte in diesen Tagen »Deutschlands beste Nachhaltigkeitsberichte«. Zu den Gewinnern zählen ökosoziale Musterkonzerne wie BMW, Bayer, BASF und Siemens. Schirmherrin Ursula von der Leyen ist begeistert.
IÖW-Preisverleihung
Deutschlands beste Nachhaltigkeits-Berichterstatter 2011

Nachhaltigkeit ist ein schwer zu fassender Begriff – genau das macht »Nachhaltigkeit« so attraktiv für Greenwashing betreibende Unternehmen und Politiker. Nachhaltigkeit? Klingt attraktiv. Kann niemand nachvollziehen. Ist gut für die Reklame.

Nachhaltigkeit umfasse drei Dimensionen, ist immerhin des Öfteren zu lesen: die wirtschaftliche, die ökologische und die soziale. Mitunter findet auch das Quasi-Synonym Zukunftsfähigkeit Verwendung. So auch in der 1996 erschienenen Studie »Zukunftsfähiges Deutschland« des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt und Energie, deren Autoren vorrechneten, was Nachhaltigkeit für unserer Land bedeuten würde. Dann müsste der Rohstoffverbrauch und Schadstoffausstoß binnen weniger Jahrzehnte um teils 80 bis 90 Prozent und in einigen Bereichen auf Null sinken. »Von solchen Reduktionen ist praktisch überhaupt noch nicht die Rede. In keinem Land der Erde!«, resümiert Ernst Ulrich von Weizsäcker, der Gründungspräsident des Wuppertal Instituts fünfzehn Jahre später.

Spätestens hier ahnt man, wie schwierig es die Nachhaltigkeit im Rahmen der kapitalistischen Produktionsweise hat: Ein Unternehmer, der sich auf dem Markt behaupten will, ist bei Strafe des Untergangs dazu angehalten, seine Kosten zu minimieren, seine Arbeiter knapp zu halten, Umweltkosten auf die Allgemeinheit abzuwälzen und notfalls dorthin abzuwandern, wo die Sozial- und Öko-Standards nicht ganz so hoch sind.

Sonst ist seine wirtschaftliche Nachhaltigkeit gefährdet.

Denn der Konsument zahlt in der Regel ungern mehr Geld für ökosozialen Schnickschnack (wenn er sich das überhaupt leisten kann). Und die Konkurrenz schläft nicht. Derweil sollen die Volkswirtschaften wachsen – schließlich gilt Wirtschaftswachstum als Allheilmittel gegen allerlei soziale und ökonomische Übel. Leider steht es in Widerspruch zu den oben genannten Reduktionszielen...

Ursprünglich stammt der Begriff Nachhaltigkeit aus der Forstwirtschaft – und besagt, dass ein kluger Forstbesitzer pro Jahr nicht mehr Bäume fällen lassen soll, als im selben Zeitraum nachwachsen. Der Verzicht auf Raubbau ist betriebswirtschaftlich klug, sofern man über begrenzte Baumbestände verfügt.

Was aber, wenn die Baumbestände unbegrenzt erscheinen? Wenn Wald im großen Stil gerodet wird, um den Boden als Ackerfläche für exportbestimmte Futtermittel zu nutzen? Wenn das Sterben des Waldes durch Emissionen sowie Klimawandel und seine Folgen beschleunigt wird? Dann geht sie dahin, die Nachhaltigkeit: Große zusammenhängende Waldgebiete gibt es heute nur noch in den Becken des Amazonas und des Orinoko in Südamerika, im Norden Nordamerikas von Labrador bis Alaska und im Norden Europas, von Schweden bis Russland.

Von solchem defätistischen Gerede mag man offenbar nichts hören beim privaten Institut für Ökologische Wirtschaftsforschung, das seit 2005 »Deutschlands beste Nachhaltigkeitsberichte« kürt – aktuell unter Schirmherrschaft von Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen. In diesen Tagen wurden die Sieger des laufenden »future ranking« bekannt gegeben.

Preiswürdig: BMW, Siemens, Bayer...
Auf Platz eins steht die BMW Group mit ihrem »Sustainable Value Report 2010«. Und in der Tat: Das Werbegeschwafel ist halbwegs vorzeigbar: »Kann ein Automobilhersteller rundum ›sauber‹ arbeiten? Wir sind auf dem besten Wege«, ist darin zu lesen. Und: »Nachhaltiges Handeln ist die Rendite der Zukunft.« Schwadroniert wird auch über die »Kernelemente unseres Nachhaltigkeitsmanagements«, nämlich einen »Umfeldradar« (was immer das auch heißen mag!), ferner »der kontinuierliche Dialog mit Stakeholdern sowie die Berücksichtigung von Nachhaltigkeitskriterien in allen Aspekten der Unternehmensentwicklung.«

Nur bei den harten messbaren Fakten hapert es. Zwar ergab eine von BMW initiierte »Experten«-Befragung, dass zwei klimabezogene Themen unter allen »Nachhaltigkeitsthemen« als die mit Abstand relevantesten eingeschätzt werden. Doch mit 148 Gramm Kohlendioxid-Ausstoß pro Kilometer (Herstellerangabe) liegen neuverkaufte BMW im unteren Mittelfeld der PKWs deutscher Autokonzerne. Die insgesamt alles andere als gut aufgestellt sind.

148 Gramm bezieht sich dabei auf in Europa neuverkaufte BMW, wie BMW in seinem »Sustainable Value Report 2010« betont. Auf den außereuropäischen Märkten sieht es bestimmt nicht besser aus, sonst würde BMWs PR-Schreiber das erwähnen. Laut Selbstverpflichtung der europäischen Automobilindustrie dürfen Neufahrzeuge übrigens seit 2008 nur noch 140 Gramm pro Kilometer ausstoßen. Deutschlands Top-Nachhaltigkeitsberichts-Unternehmen liegt vier Jahre später also um 8 Gramm darüber. Die Umweltschutz-Organisation Greenpeace könnte also umstandslos eine Aktion aus dem Jahr 2007 wiederholen: »BMW baut Klimaschweine«, so lautete die Botschaft.

Auf Platz zwei der Nachhaltigkeitsberichts-Hitparade liegt der Siemens-Konzern, der alle deutschen AKWs baute, zwar unlängt verkündete, sich aus dem Atomgeschäft zurück zu ziehen, aber offenbar weiterhin an Bauteilen für Atomkraftwerke verdient. Siemens wird ferner vorgeworfen, mit den Regimes in Syrien und Iran Geschäfte zu machen. Der Titel des prämierten Nachhaltigkeitsberichts 2010: »Chancen nutzen, Risiken minimieren, Werte leben«.

Platz drei und fünf belegen zwei besonders umstrittene deutsche Chemie-Konzerne, die seit Jahrzehnten nachhaltig die Kritik von Umweltschützern und Kritischen Aktionären auf sich ziehen: die BASF-Gruppe und die Bayer AG.

Adidas: Drei Streifen, 18 Cent Stundenlohn
Zwischen beiden auf Platz vier liegt die Daimler AG, kritisiert für seine massiven Rüstungsdeals und Waffenlieferungen in Krisenregionen (mitunter, man ist nicht wählerisch, an alle Konfliktparteien). »360 Grad: Fakten zur Nachhaltigkeit 2011« heißt der Daimler-Bericht. 360 Grad suggeriert: Man ist rundum gut aufgestellt. Immerhin: Energie- und Wasserverbrauch sind im Zuge der Wirtschaftskrise gesunken. Leider nur zeitweilig und nicht nachhaltig. Auf Platz neun steht mit Volkswagen der dritte Autokonzern in der Top Ten. VW gilt als Klimaschutzgeizhals, will aus Sicht von Kritikern die europäischen Klimaschutzziele verwässern.

Elfter respektive Dreizehnter im Ranking sind die Axel Springer AG und der Energiekonzern RWE – beide schießen gerade aus vollen Rohren klimawandelleugnerische Argumente. Natürlich bekennen sich auch Axel Springers Schmierfinken zur »Corporate Responsibility« (Konzern-Verantwortung). Europas größter Klimaschädling RWE verkündet derweil schon auf dem Deckblatt seines Nachhaltigkeitsberichts, dass »VoRWEgehen« bedeute, »Verantwortung (zu) übernehmen«.

Adidas machte im Juli 2008 öffentlich, künftig weniger in China produzieren zu lassen. Das lag nicht an etwaiger Kritik an der Staatsführung. Auch nicht die weit verbreitet Verletzung von Arbeitnehmerrechten oder die Inhaftierung von Gewerkschaftern wurde als Problem wahrgenommen. Nein, schuld waren die Lohnkosten: 18 Cent Stundenlohn erschien dem Drei-Streifen-Konzern-Management als zu hoch. Nun wandert man nach Laos, Vietnam, Kambodscha, Indien und nach Osteuropa, dorthin also, wo die Arbeitskraft noch wirklich billig zu haben ist. »Performance ist das, was wirklich zählt« belegt im Nachhaltigkeitsberichts-Ranking den 21. Platz.

Wer glaubt schon einer Unternehmensbilanz?
»Verantwortliches Wirtschaften soll sich lohnen«, freut sich Schirmherrin Ursula von der Leyen. Durch Nachhhaltigkeitsberichte könnten die Verbraucher erfahren, ob ein Unternehmen umweltfreundlich produziere und seine Beschäftigten anständig bezahlt.

Axel Köhler-Schnurra ist weniger begeistert: »Wer glaubt schon einer Unternehmensbilanz, mag sie noch so vorbildlich sein?«, fragt der seit Jahrzehnten aktive Konzernkritiker. Und seine Antwort lautet: »Was in einer Bilanz steht, in einer Konzernbilanz schon allemal, ist unüberprüfbar. Es gibt auf der ganzen Welt keine Kontrollinstanz, die eine solche Bilanz unabhängig auf ihren Wahrheitsgehalt prüfen könnte.«

Doch Nachvollziehbarkeit sei auch gar nicht das Ziel – durch die Nachhaltigkeitsberichte werde vielmehr eine Botschaft transportiert: »Na also, ist doch alles nicht so schlimm.« Selbst die schwarzen Schafe gäben sich Mühe – und »auch bald einen schönen Nachhaltigkeitsbericht ab«.

Genau das ist es, was Ursula von der Leyen fordert: »Gute Nachhaltigkeitsberichte sollen Schule machen.« Bisher schweigt jedes vierte deutsche Großunternehmen zum Thema Nachhaltigkeit.

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