Von Gerhard Dilger, Porto Alegre
05.03.2012

Hugo Chávez macht in Optimismus

Der Verlauf der Krebserkrankung von Venezuelas Präsidenten beeinflusst den Fortgang der »boliviarianischen Revolution«

Die Krebserkrankung von Venezuelas Präsident Hugo Chávez hat seine »Vereinigte Sozialistische Partei« (PSUV) in eine tiefe Krise gestürzt. Auf dem Spiel steht nicht weniger als die Zukunft der »boliviarianischen Revolution«.

Kritische Linksintellektuelle haben schon lange gewarnt: »Die größte Schwäche des chavistischen Projekts ist die außerordentliche Konzentration der Entscheidungsgewalt auf eine Person«, sagte Edgardo Lander vor gut zwei Jahren dem »nd«, als der Staatschef wieder einmal angekündigte, er wolle mindestens bis 2021 regieren.

Im Oktober 2010, nachdem die Chavistas bei der Parlamentswahl die absolute Mehrheit der Stimmen verfehlt hatten, stellte der venezolanische Soziologe die rhetorische Frage: »Ist das Modell der Ein-Mann-Führung und die Abwesenheit kollektiver Debatten und der Konfrontation von Alternativen und Ideen vereinbar mit der gemeinsamen Schaffung einer immer demokratischeren Gesellschaft?«

Heute kämpft der 57-jährige Charismatiker auf Kuba um sein Leben, wie Vizepräsident Elías Jaua vor Tagen einräumen musste. Und nun rächt sich das Ein-Mann-System, das kritische Chavistas bis heute nur hinter vorgehaltener Hand kritisieren. »In seinem Umfeld hat Chávez niemanden groß werden lassen, sondern sich mit mittelmäßigen, loyalen Jasagern umgeben«, analysiert die Historikerin Margarita López Maya, die bei den Parlamentswahlen für die Linkspartei »Vaterland für alle« kandidiert hatte.

In einer Atmosphäre der ständigen Polarisierung, die bis zur kommenden Präsidentschaftswahl am 7. Oktober noch erheblich zunehmen dürfte, ist kein Platz für Zwischentöne.

Aus Kuba fließen die Informationen gewohnt spärlich: Ab und zu meldet sich Chávez telefonisch oder über das soziale Netzwerk Twitter zu Wort oder lässt Fotos verbreiten. Kein Wunder, dass die Spekulationen nicht abreißen.

Selten war das politische Zukunft Venezuelas ungewisser als heute. Fest steht lediglich, dass die Opposition, die sich einiger präsentiert denn je zuvor, mit dem 39-jährigen Henrique Capriles erstmals einen Gegenkandidaten hat, der auch einem gesunden Amtsinhaber gefährlich werden könnte. Und dass es nur Chávez zugetraut wird, Capriles besiegen zu können - seine zuverlässigsten Bundesgenossen, wie Energieminister Alí Rodríguez (74) oder Exvize José Vicente Rangel (83), die die poltische Mitte ansprechen könnten, sind schlicht zu alt.

Den jetzigen Parlamentspräsidenten Diosdado Cabello, einen langjährigen und loyalen Kampfgefährten von Chávez, bezeichnet Margarita López Maya als »Brücke zu den Militärs, die der wichtigste Machtfaktor sind«. Allerdings gilt der neue starke Mann auch vielen an der linken Basis als Inbegriff des korrupten Machtmenschen. 2008 verlor er trotz Amtsbonus die Gouverneurswahl in Miranda gegen Capriles und musste ins zweite Glied rücken.

Blieben als mögliche Chávez-Nachfolger Bruder Adán, Vize Jaua oder Außenminister Nicolás Maduro - gegen Capriles sähen aber auch sie sehr blass aus. Die ebenfalls ganz auf Chávez zugeschnittene Parteistruktur der PSUV hilft auch nicht weiter.

Optimismus verbreitet hingegen Hugo Chávez selbst: »Ich steige auf wie der Kondor«, twitterte der Präsident nach der jüngsten Operation, für Sonntag war die Ausstrahlung eines Gesprächs mit Fidel Castro angekündigt. Totgesagte leben länger.

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