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Von Marina Mai
05.03.2012

Was zu viel ist

Demo gegen Neonazi-Infrastruktur in Ober- und Niederschöneweide

Knapp eine Stunde vor Beginn der Demonstration gegen die rechte Infrastruktur in Schöneweide am Freitagabend kam die erlösende Nachricht: Der Demonstrationszug darf doch durch die Brückenstraße führen und damit vorbei an Berlins berüchtigter Nazikneipe »Zum Henker« und dem von NPD-Landeschef Sebastian Schmidtke betriebenen Klamotten- und Waffenladen »Hexogen«. So hatte das Verwaltungsgericht entschieden.

Zuvor hatte die Polizei genau das mit Verweis auf das Recht auf Privatsphäre von Schmidtke untersagt, der in der Brückenstraße unter falschem Namen wohnen soll. Das sah das Verwaltungsgericht anders: Das durch das Grundgesetz geschützte Versammlungsrecht würde durch die Sperrung der gesamten Brückenstraße zunichte gemacht werden.

Der Richterspruch sprach sich wie ein Lauffeuer herum unter den Demonstranten, die sich auf dem S-Bahnvorplatz versammelt hatten. Die Polizei zählte 500 Teilnehmer, der Veranstalter sprach von 800. »Die Begründung der Polizei für die Sperrung der Brückenstraße war absurd«, sagt die grüne Abgeordnete Clara Herrmann. Ein Rentner, der den nd-Artikel vom Freitag an seine Jacke geheftet hatte, war ebenfalls froh darüber, »dass das Anliegen so vieler Leute gegen einen einzelnen Nazi Vorrang hatte«. Selbst einigen Polizisten war die Erleichterung anzusehen, dass ihre Behörde vor dem Verwaltungsgericht unterlegen war. War das doch eine günstige Voraussetzung für einen friedlichen Verlauf der Demo.

Unter dem Motto »Was zu viel ist, ist zu viel« richtete sich der Protest gegen den seit drei Jahren bestehenden »Henker« und sieben weitere von Nazis betriebene Geschäfte in Schöneweide, Teil einer braunen Infrastruktur im Kiez. Gregor Gysi, der sein Wahlkreisbüro in der Brückenstraße hat, sagte, die Scheibe seines Büros würde fast jede Nacht beschmiert. »Das muss dann alles wieder sauber gemacht werden. Aber ich bin da sehr geduldig und lasse mich von denen nicht vertreiben.«

Der Demonstrationszug führte durch Ober- und Niederschöneweide. Ersten Protest gab es vor dem von Henryk W. betriebenen »sozialen Buchladen«. W. wurde 1997 wegen Brandstiftung an einem Jugendtreff zu einer Haftstrafe verurteilt. Vor seinem Laden flogen vereinzelt Steine, einer traf wohl auch eine Scheibe. Das sorgte für ziemlichen Ärger. »Ihr müsst doch nicht mit Methoden arbeiten wie die«, schrie eine ältere Frau in Richtung auf die Demonstranten des autonomen Blocks. Die stellten etwa die Hälfte der Teilnehmer und hatten die Hoheit über den Lautsprecherwagen.

Dort las eine rhetorisch wenig begabte Rednerin seitenlange Statements ab. Dazwischen immer wieder der Aufruf »Seid laut! Seid kraftvoll« und kindisch-überzogene Kritik an den rund 350 Polizisten vor Ort. Reden von den zahlreich anwesenden Politikern waren absurderweise nicht zugelassen, weil die Vertreter der Antifa dies als Vereinnahmung angesehen hätten. Immerhin wurden Grußworte von Bezirksbürgermeister Oliver Igel (SPD) und der LINKE-Bundespräsidentschaftskandidatin Beate Klarsfeld verlesen.

Proteste hagelte es vor den Spreehöfen, wo die Clubs »Dark7side« und »El Coyote Club« Vertreter der rechten Szene anziehen, und am anderen Spreeufer vor dem »Henker« und dem »Hexogen«. Für Gäste der Geburtstagsfeier des »Henker« und der »Böhse-Onkelz«-Party in den Spreehöfen war der Protest unüberhörbar. Die Lokalitäten waren durch Polizeiautos von den Demonstranten abgeschirmt. Die brachten Silvesterknaller und ein bengalisches Feuer zum Einsatz, die Polizei sprach von einem »überwiegend störungsfreiem Verlauf«. Sieben Personen seien zur Feststellung ihrer Personalien vorübergehend festgenommen und Ermittlungsverfahren eingeleitet worden.

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

  • Kampf gegen Rechts

    Die Enttarnung des Zwickauer Nazitrios rückt den Kampf gegen Rechts wieder in den Mittelpunkt der Debatte. Doch oft erschwert die die Politik die Arbeit von Initiativen gegen Rechtsextremismus, denn die Projekte haben mit Mittelkürzungen und der Extremismusklausel zu kämpfen.

2 Kommentare

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  • nd.leser / 04. Mär 2012 23:14

    schlechter tendenziöser Artikel

    Mal wieder so ein tendenziöser Artikel von Marina Mai. Auf der einen Seite Recherchen von Antifa-Gruppen regelmäßig als eigene Arbeit gewinnbringend verkaufen, aber dann auf der anderen Seite immer von "der Antifa" als böser, gewalttätiger schwarzer Block schreiben und erfolgreiche lokale Bündnisse damit torpedieren. Entscheidungen, wie keine Politiker sprechen zu lassen, werden ohne Erläuterung als "absurd" zu bezeichnet. Was ist denn daran absurd Frau Mai? Und wie kommen sie eigentlich darauf, dass dies der Fall war?

    Und was ist an der Kritik gegenüber der Polizei genau "kindisch-überzogen"? Diese war es immerhin, die den Protest durch die Brückenstraße verhindern wollte, was die Klage beim Verwaltungsgericht erst notwendig machte. Zudem wurden sieben Personen rüde festgenommen, umherstehende Teilnehmer dabei geschubst und geschlagen. Kritik daran finden sie also kindisch und überzogen?

    Das ganze ist eigentlich kein Artikel sondern ein schlechter Kommentar. Es gibt doch genug kompetente Autor_innen beim ND, warum werden denn immer wieder so schlechte Sachen von Frau Mai publiziert?

  • Bernd.Kudanek / 05. Mär 2012 15:09

    Re: schlechter tendenziöser Artikel

    "Auf der einen Seite Recherchen von Antifa-Gruppen regelmäßig als eigene Arbeit gewinnbringend verkaufen, aber dann auf der anderen Seite immer von "der Antifa" als böser, gewalttätiger schwarzer Block schreiben"

    ... sehe ich auch so! Aber unter anderem deswegen ist die Berliner PDL ja auch von der potentiellen Wählerschaft abgestraft worden. Marina Mai schreibt eigentlich nur, was seinerzeit Marion Seelig und Klaus Lederer eher mehr als weniger vorgegeben haben. Nicht nur diese beiden fanden als Mitregierende nämlich die Arbeit der Polizei unter Glietzsch und Körting immer ganz toll.

    ... da fällt mir doch gleich der Sarkasmus eines Antifasprechers ein, als er den Abschied von Körting und die Installation von Henkel kommentieren sollte: "Tschüß Cholera. Hallo Pest." :-))))))

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